Evolutionstheorie : Die Selektion allein erklärt nicht die Welt, sagt Thomas Nagel

Die Evolution allein erklärt nicht, wie die Welt sich entwickelt, sagt der amerikanische Philosoph Thomas Nagel. Darwinisten und Intellektuelle fühlen sich verraten - und gehen auf den Rawls-Schüler los.

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Eine Frau betrachtet Bilder unserer Vorfahren in einer Ausstellung zur Evolutionstheorie in Stuttgart.
Alles Zufall? Oder hat die Evolution eine Richtung? Eine Frau betrachtet Bilder unserer Vorfahren in einer Ausstellung zur...Foto: p-a

Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Wie fühlt es sich an, wenn man eine Art Echolot hat und Ultraschallwellen aussenden kann? Mit dieser Frage wurde 1974 ein Philosoph berühmt, der bis heute zu den klügsten und kontroversesten zählt. Thomas Nagel, ein Schüler von John Rawls, hat in Oxford und Harvard studiert, lange Jahre in Princeton unterrichtet und lehrt seit mehr als dreißig Jahren an der New York University. Inzwischen ist er 75 Jahre alt. Die Pointe an der Fledermaus-Frage ist, dass wir niemals wissen können, wie es sich für eine Fledermaus anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Ihre Erlebnisperspektive bleibt uns erkenntnistheoretisch verschlossen. Grundsätzlich.

Mit seinem jüngsten Buch knüpft Nagel an das Fledermaus-Dilemma und die Grenzen unserer Erkenntnis an. „Mind and Cosmos“ erschien im Herbst vergangenen Jahres, es hat A5-Format und einschließlich Index nur 130 Seiten. Der Inhalt allerdings ist vom Anspruch her radikal, ja revolutionär. Das weiß der Autor – und entschuldigt sich sogar für seine unorthodoxen Gedanken. Die freilich präsentiert er klar und stringent. Seine zentrale These: Das Axiom der meisten Naturwissenschaftler, dem zufolge alle Phänomene – also auch Gefühle, Gedanken, Bewusstsein, Verhalten – vollständig erklärbar sind durch materielle Faktoren, ist höchstwahrscheinlich falsch.

Nagel nennt die Auffassungen, gegen die er leidenschaftlich und gleichwohl kühl und trocken anschreibt, abwechselnd psychophysikalischen Reduktionismus, Materialismus und Naturalismus. „Ich finde diese Sicht unglaubhaft“, schreibt er, sie sei der „heroische Triumph einer Ideologie über den Wirklichkeitssinn“. Als Grund für diesen Triumph vermutet er die Fortschritte der Naturwissenschaftler auf den Gebieten der Neurophysiologie und Molekularbiologie. Dadurch sei die übermütige Hoffnung genährt worden, auch sämtliche Phänomene des Geistes unter eine einzige physikalische Konzeption der Welt subsumieren zu können. Nagel hält das für unmöglich.

Kaum gnädiger urteilt er über die Evolutionstheorie. Sie sei zwar nicht falsch, aber ungenügend. Die „ganze Wahrheit“ werde von ihr nicht erfasst. Denn die im Prinzip ziellose Abfolge von Mutation und Selektion könne nicht ausreichend erklären, wie aus anorganischem organisches Leben entstand, aus einfachen Systemen komplizierte wurden und Instinkt in Verstand und Bewusstsein mündete.

„Organismen wie die unseren haben nicht einfach nur zufällig Bewusstsein.“ Die Lehre Darwins müsse folglich ergänzt werden durch teleologische Hypothesen, oder anders gesagt: einer „kosmischen Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und den Werten, die sich davon nicht trennen lassen“. Teleologie meint in diesem Zusammenhang: Dinge geschehen auch, weil sie auf dem Weg zu einem Ziel liegen.

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