Geburtenstatistik und Zuwanderung : Freut Euch auf das Fremde

03.07.2012 00:00 Uhrvon
Die Hände einer Neubürgerin liegen im Rathaus Berlin-Neukölln während einer Feierstunde auf einer Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland. Foto: dpa
Die Hände einer Neubürgerin liegen im Rathaus Berlin-Neukölln während einer Feierstunde auf einer Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland. - Foto: dpa

So wenige Kinder wie nie zuvor wurden hierzulande 2011 geboren. Die Deutsch-Deutschen werden weniger, aber ihr Land leert sich nicht. Weniger Neugeborene heißt mehr Verantwortung – für den Nachwuchs von Einwanderern.

Deutschland, dein Statistisches Bundesamt hat eine schlechte und eine gute Nachricht für dich. Erstens: Im vergangenen Jahr wurden hierzulande so wenig Kinder wie nie zuvor geboren. Die Geburtenrate ging um 2,2 Prozent zurück. Dies hat, zweitens, aber nicht dazu geführt, dass weniger Menschen hier leben, im Gegenteil. Die sogenannte Wanderungsbilanz aus Zu- und Wegzügen ergibt einen ordentlichen Überschuss von 279 000 Menschen. Auch dies ein Spitzenwert, die höchste Zahl seit 1996.

Lassen wir offen, was hier die schlechte und was die gute Nachricht ist. Klimaschützer und Umweltexperten könnten den Rückgang der Geburtenzahlen in einer Massenkonsumgesellschaft der Ersten Welt möglicherweise mit Freude sehen.

Weniger Menschen in unserem Teil des Plastic Planet – das heißt ein Mehr an Ressourcenschonung. Spannend ist aber, dass wir dem alten Entsetzensruf „Die Deutschen sterben aus!“ inzwischen immer öfter eine Unterzeile verpassen können, denn der Trend zur Einwanderung nach Deutschland ist ja so neu nicht: Die Deutsch-Deutschen werden weniger, aber ihr Land leert sich nicht.

Und es könnte Zeit sein, endlich nicht mehr entsetzt zu sein über die Geburtenrate. Natürlich bleibt es dringend, Gesellschaft, Arbeitsplätze und -zeiten, Ehe- und Steuerrecht derart umzubauen, dass Männern und Frauen, die gerne Kinder haben möchten, nicht unnötig Schwierigkeiten gemacht werden, diesen Wunsch zu verwirklichen. Aber die Zeiten, als man Kinder eben mal so bekam – weil sichere Verhütungsmittel fehlten oder unter gesellschaftlichem Druck – sind unwiederbringlich vorbei. Man sollte sie sich vielleicht auch nicht zurückwünschen. Mehr Wunschkinder sind nun einmal weniger Kinder insgesamt. Die ihrerseits wieder weniger Kinder bekommen werden. Und wenn Paare entscheiden können, ob sie wirklich Eltern werden wollen, kommen sie auch öfter zu dem womöglich respektablen Schluss, dass sie kinderlos glücklicher sind. Das Streben nach Glück, „the pursuit of happiness“, das der Bundespräsident so unglücklich als „Glückssucht“ denunziert, gehört immerhin zur Kernbotschaft eines der wichtigsten Dokumente westlicher Demokratie.

Im Video: Redakteurin Andrea Dernbach über die Korandebatte, die vor einigen Wochen ausgefochten wurde:

Dernbach antwortet zur Korandebatte

Das Glück aller wird folglich darin liegen, sich nicht wegen der nicht Geborenen zu grämen, sondern sich um die Geborenen zu kümmern: um gute Schulen, in denen der Erfolg nicht vom Namen, der Religion oder der Hautfarbe abhängt oder davon, welche Sprache zu Hause gesprochen wird. Um Arbeitsplätze, wenn diese Kinder die Schule verlassen. Um Wohnungen, deren Vermieter nicht rassistisch sortieren.

Machen wir uns nichts vor: Auch die jungen, strebsamen, gut ausgebildeten Griechen, Spanier, Italiener, die jetzt nach Deutschland strömen, sind auf ein Deutschland angewiesen, das keine ethnischen Unterschiede macht, das sich auf Fremde freut. Genau wie die hier geborenen Kinder türkischer, arabischer, vietnamesischer Migranten sind sie die Zukunft dieses Landes. Investieren wir in sie. Geld ja. Aber auch viel Gefühl.

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