Gewaltverbrechen : Die Gene des Bösen

Eine schwere Kindheit haben viele, Gewaltexzesse sind dadurch allein nicht erklärbar. Bei Gewaltverbrechen spielt die Veranlagung auch eine Rolle. Die genetische Ursachenforschung hat deshalb Hochkonjunktur.

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Die Entdeckung vermeintlich "böser" Gene birgt sozialen Sprengstoff. Foto: dpa
Die Entdeckung vermeintlich "böser" Gene birgt sozialen Sprengstoff.Foto: dpa

Im Prozess um den Doppelmord von Bodenfelde hielt am Montag der Staatsanwalt sein Plädoyer. Der 26-jährige Arbeitslose Jan O. hat demnach ein 14-jähriges Mädchen auf bestialische Weise getötet. Fünf Tage später brachte er einen 13 Jahre alten Jungen um, den er versehentlich für ein Mädchen gehalten und verschleppt hatte. Der Beschuldigte empfand, nach Auffassung des Sachverständigen, keinerlei Mitleid mit seinen Opfern.

Emotions- und gewissenlosen Gewaltverbrechern wie Jan O. stehen Justiz und Psychologie ratlos gegenüber. Sie sind keine „Irren“, deren abnormes Verhalten auf schwere psychische Erkrankungen zurückgeht. Jan O. wurde von seiner Mutter vernachlässigt, in der Schule gehänselt und verprügelt. Er erlernte keinen Beruf und fiel durch kleinere Diebstähle, Drogendelikte und Schlägereien auf. Doch eine schwere Kindheit haben viele, die Gewaltexzesse sind dadurch nicht erklärbar.

Die genetische Ursachenforschung von Gewalttätigkeit hat deshalb Hochkonjunktur. Der jahrzehntelange Streit zwischen den Advokaten einer „verbrecherischen Veranlagung“, die sich auf den umstrittenen Psychologen Hans Eysenck beriefen, und der in den 1980er Jahren modernen, sozialen Kriminologie ist mittlerweile beigelegt. Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass sowohl „nature“ als auch „nurture“ – genetische Veranlagung und Umwelt – zur Entwicklung von soziopathischem Verhalten und Kriminalität beitragen.

Wissenschaftler des schwedischen Karolinska-Instituts untersuchten das Umfeld von mehr als 1,5 Millionen Gewaltverbrechern. Für Verwandte ersten Grades besteht gegenüber der Allgemeinbevölkerung eine 4,3-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie ebenfalls ein Gewaltverbrechen verüben. Wie Analysen der sozialen Verhältnisse und Zwillingsstudien zeigten, ist dieser Zusammenhang zu 55 Prozent erblich bedingt.

Einer der ersten handfesten Hinweise auf die dafür verantwortlichen Gene kam aus Dunedin, einer Provinzstadt am Südzipfel Neuseelands. In einem einzigartigen Projekt werden dort sämtliche 1037 Kinder, die zwischen April 1972 und März 1973 geboren wurden, regelmäßig auf ihre psychische und soziale Entwicklung untersucht. Im Jahr 2002 nahmen sich die Psychologen Terrie Moffitt und ihr Ehemann Avshalom Caspi von der Duke University die Berichte von 442 inzwischen erwachsenen Männern der Dunedin-Studie vor und ließen Gentests durchführen. Dabei zeigte sich, dass eine Genmutation des für die Hirnfunktion wichtigen Enzyms Monoaminooxidase-A (MAO-A) mit Gewaltverbrechen und antisozialem Verhalten korreliert ist – aber nur bei solchen Männern, die in der Kindheit schwer misshandelt wurden. MAO-A wird für den Abbau von Serotonin und anderen Signalstoffen des Gehirns benötigt. In Tierversuchen führt ein künstlich erzeugter MAO-A-Mangel zu erhöhter Aggressivität. Das zugehörige Gen liegt auf dem X-Chromosom, das bei Frauen doppelt vorkommt, so dass Mutationen kompensiert werden können. Dies passt zu der Tatsache, dass Männer wesentlich häufiger Gewalttaten begehen.

Jungen mit angeborenem MAO- A-Mangel zeigen oft bereits im Vorschulalter erhöhte Gewaltbereitschaft. Bei einem anderen Regulator des Serotonins, 5-HTT (5-Hydroxy-Tryptamin), erhöht genetischer Mangel die Wahrscheinlichkeit für Depressionen. Nach einer von Moffitt und Caspi entwickelten Theorie führen derartige Gendefekte dazu, dass negative Kindheitserlebnisse nicht erfolgreich kompensiert werden können. Deshalb entwickelt nur ein kleiner Teil der misshandelten Kinder später Depressionen oder antisoziales Verhalten.

Die Entdeckung vermeintlich „böser“ Gene birgt sozialen Sprengstoff. Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) werden ebenfalls Defekte in der Regulation von Serotonin und anderen Neurotransmittern vermutet – trotzdem können sie nicht als potenziell kriminell eingestuft werden. Auch besteht die Gefahr, dass Eltern ihren Nachwuchs im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik entsprechend genetisch untersuchen lassen. Schließlich wird die Frage zu beantworten sein, ob genetische Anlagen eine verminderte Schuldfähigkeit begründen können.

Gegenüber Gewaltverbrechen wie dem Doppelmord von Bodenfelde wird die Gesellschaft trotzdem ratlos bleiben, daran kann auch die moderne Genetik nichts ändern.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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