Guttenberg : Von Dummen will ich nicht regiert werden

Wie konnte Guttenberg nur glauben, dass er mit dieser Doktorarbeit durchkommt? Wenn ein Politiker schon betrügt, dann soll er es wenigstens klug anstellen.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Alles kommt irgendwann heraus, sagt man oft. Aber das stimmt nicht. Es gibt, wie Kriminologen versichern, jede Menge unentdeckte Mörder. Und es gibt garantiert auch jede Menge Politikerskandale, die niemals herauskommen. Keiner kennt die Dunkelziffer. Die Welt ist nicht sauber, oh nein. Und nicht mal bei sich selbst kann man sicher sein. Fast jeder hat schon einmal gelogen, etwas vertuscht, gemogelt, bei der Steuer, in der Partnerschaft, in Schule und Beruf. Fast jeder von uns hat eine Leiche im Keller, oder etwa nicht?

Aber wenn gerade mal wieder ein Skandal durch die Medien geht, dann verwandeln wir uns in ein Heer der Gerechten. Dann packt uns heilige Empörung. Dann vergessen wir, wer wir sind: Heilige jedenfalls nicht.

Trotzdem muss man auf der Einhaltung der Regeln bestehen. Diebe müssen bestraft werden, auch wenn es den Diebstahl immer geben wird und eine allzu selbstgerechte moralische Empörung auf den sich Empörenden zurückfällt.

Das Besondere an Doktor Guttenberg war und ist sein Charisma. Er ist eine Projektionsfläche für Hoffnungen aller Art. Aber auch Charisma beruht auf einer Illusion, wie der Glaube an eine heile Welt. Niemand ist perfekt. Beim charismatischen Politiker hat es nur den Anschein. Er trügt. Wie hätte das öffentliche Bild von Willy Brandt ausgesehen, oder von John F. Kennedy, wenn das Publikum alles, wirklich alles gewusst hätte über ihre Sexgeschichten, über Alkohol und Drogen, über Depressionen und Regelverstöße? Präsident Thomas Jefferson hat mit seiner Haussklavin Kinder gezeugt, damals ließ sich so etwas noch vertuschen.

Charisma braucht Distanz. In einer Welt, die Distanz nicht mehr zulässt, gibt es auch kein Charisma mehr. Wer verliebt ist, idealisiert den anderen, den er oder sie kaum kennt. Nach einer langen Ehe hat der Blick auf den anderen sich geändert, er ist nicht mehr schwärmerisch, sondern, im günstigsten Fall, respektvoll und nachsichtig. Das Charisma ist also der Verliebtheit ähnlich, es hält kein Detailwissen aus.

Jefferson war ein guter Präsident, und gleichzeitig ein Lügner. Das geht. Eigentlich bin ich vollauf damit zufrieden, wenn unsere Politiker die politischen Probleme lösen, wenn sie ihren Job gut machen. Ich habe nicht das Bedürfnis, von Heiligen regiert zu werden. Kompetenz und der Mut, das Notwendige zu tun, genügen völlig. Und genau da beginnen meine Probleme mit Doktor Guttenberg. Wie konnte er glauben, dass er mit dieser Doktorarbeit durchkommt? Als öffentliche Person, im Zeitalter des Internets? Das war schlimmer als ein Fehler, es war dumm. Von Dummen will ich nicht regiert werden. Wenn ein Politiker schon betrügt, dann soll er es wenigstens klug anstellen.

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