Gymnasium: G8 oder G9? : Die Schule gehört nicht der Wirtschaft

Abiturienten sollten schneller in den Beruf. Deshalb wurde G8 geschaffen, das achtjährige Gymnasium. Doch das Blatt hat sich gewendet. Die Deutschen wollen sich ihr Leben nicht mehr von der Wirtschaft diktieren lassen - egal ob in der Bildung oder bei der Rente.

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Wie viel Büffeln ist gut? Je nach Gymnasium gibt es große Unterschiede bei der Belastung der Schüler. Manche Schulen gehen bei der Stundenplangestaltung geschickter vor, so dass die Schüler weniger Leerlauf haben und früher nach Hause kommen.
Wie viel Büffeln ist gut? Je nach Gymnasium gibt es große Unterschiede bei der Belastung der Schüler. Manche Schulen gehen bei der...Foto: Imago

Es sind zwei Meldungen vom Mittwoch, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Niedersachsen macht den Weg frei für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Und Jobforscher sagen, dass es junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt heute schwerer haben als frühere Generationen. Vor allem weil Arbeitnehmer um die 30 fast nur noch befristete Verträge bekommen.

Die achtjährige Gymnasialzeit war aber genau damit begründet worden – dass junge Menschen früher arbeiten sollen. Sie war auf Druck der Wirtschaft eingeführt worden. Zu einer Zeit, als Helmut Kohl vom „Freizeitpark Deutschland“ sprach und Roman Herzog seinen berühmten „Ruck“ forderte. Nun steht Niedersachsen nicht allein mit seiner Kehrtwende: In fast allen westdeutschen Ländern wird das G9 wieder angeboten. 79 Prozent der Eltern sagen, sie würden ihr Kind lieber auf ein neunjähriges Gymnasium schicken.

Vor ein paar Monaten erst war mit der flächendeckenden Abschaffung der Studiengebühren ein anderes Markenzeichen der liberalisierungsfreundlichen 90er Jahre gefallen. Und die Rentenreformen der großen Koalition weisen in eine ähnliche Richtung – nur dass es hier nicht um den Beginn, sondern das Ende der beruflichen Laufbahn geht. Die Unterordnung verschiedener Lebensphasen unter den Primat der Ökonomie scheint in Deutschland nicht mehr sonderlich populär zu sein.

Das hat wohl auch mit dem Finanzcrash 2008 zu tun, der den Glauben an den Kapitalismus angelsächsischer Prägung erschüttert hat. Die USA und Großbritannien mit ihrem stärker zweckorientierten Bildungssystem galten lange als das Gegenbild zu Deutschland, dem damals „kranken Mann Europas“. Dabei hat sich an den Ausgangsbedingungen nichts geändert. G9 war nicht eingeführt worden, weil man die Art des Unterrichtens verbessern wollte. Es war eine Reaktion auf die schrillen Warnungen vor der demografischen Katastrophe. Außerdem wollten die Bundesländer durch die Hintertür Geld sparen – was kaum gelungen ist.

Viele Schulabgänger wehren sich - sie gehen erstmal auf Weltreise

Tatsächlich werden all jene, die heute zum Teil ihr Studium in einem Alter beginnen, in dem sie noch nicht einmal einen Mietvertrag unterschreiben dürfen, mindestens bis 67, vielleicht auch bis 70 arbeiten müssen. Viele Schulabgänger leisten gegen diese Art der vorbestimmten Lebensführung schon jetzt ihre Art des Widerstands. Nach dem Abitur gehen sie zunächst auf Weltreise oder absolvieren ein Soziales Jahr. Wer trotzdem schon mit Anfang oder Mitte 20 voll im Berufsleben steckt, den packt dann spätestens mit Mitte 30 die Lust auf ein Sabbatjahr.

Wobei die Idee der verkürzten Schulzeit nicht grundsätzlich schlecht ist. Es bleibt ein Rätsel, warum das Modell in ostdeutschen Ländern wie Sachsen und Thüringen besser funktioniert als im Westen. In jedem Fall wäre es sinnvoll gewesen, G8 mit einer Entrümpelung der Bildungsinhalte zu kombinieren. In Zeiten, in denen man sich reines Faktenwissen ohne große Probleme über das Internet aneignen kann, wirken übervolle Lehrpläne antiquiert.

Doch immer noch wird um das Gymnasium ein nahezu wilhelminischer Kult betrieben. Dabei ist es längst zur Massenschule geworden. Und nicht für das Gymnasium, für das Leben lernen wir.

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