Islamismus : Wie Salafisten Schule machen

Salafistische "Gebetsflashmobs", massive Einschüchterungen: Von Hamburg bis Berlin gewinnen radikale Islamisten an Einfluss in den Schulen - vor allem an Brennpunkten. Die Politik muss jetzt entschlossen handeln.

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Das Thema Salafismus in Schulen gehört auf den Tisch der Kultusminister.
Das Thema Salafismus in Schulen gehört auf den Tisch der Kultusminister.Foto: dpa

Allah ist groß, wie groß allerdings, das kommt drauf an. Es kommt darauf an, wer, wie und warum den Islam politisiert, missbraucht, zur Parole, zur erwünschten Norm und Lebensform erklärt. Derzeit beobachten mehr und mehr Lehrer im Land, was ein Hamburger Schulleiter im Mai „konfrontative Religionsausübung“ nennt. Auch aus Berliner Schulen ist zu hören, dass pseudoreligiös motiviertes Mobbing zunimmt, dass etwa salafistische „Gebetsflashmobs“ organisiert und Mitschüler drangsaliert werden, die sich scheuen, dabei mitzumachen, oder Mädchen bedrängt werden, die ihr Haar nicht mit einem Tuch verhüllen.

Das Phänomen reicht von Hamburg und Berlin über Bonn bis Konstanz, und es ist nicht auf die Bundesrepublik beschränkt. Auch in anderen europäischen Staaten gewinnen fundamentalistische Gruppen Einfluss an Schulen und plagen sich Verantwortliche im Bildungssystem damit herum. Verantwortliche? Eigentlich ja. Sie wären Schülern, Eltern, der Öffentlichkeit Antworten schuldig, stellen aber im Augenblick noch nicht einmal die Fragen, um die es geht.

43 000 Einwohner der Republik rechnen Verfassungsschützer dem Islamismus zu, und direkt oder indirekt strahlt das auf die Schulen aus, insbesondere an sogenannten Brennpunkten. Meist geht es dabei weiterhin um bekannte Konfliktfelder, um die Teilnahme von Mädchen an Klassenreisen, Sport- und Schwimmunterricht, um die verpönte Sexualkunde, Kleidungsnormen, Speisetabus, aber zunehmend auch um massive Einschüchterung und Forderungen, etwa nach Gebetsräumen. Aktuell liefert der Hype um die Gruppe Isis in Syrien und im Irak den Salafisten Zulauf. Unlängst haben Isis-Terroristen das Kalifat ausgerufen, sie verheißen ein von Ungläubigen gereinigtes Paradies auf Erden. Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad weist diese Woche in der „Zeit“ mit Recht darauf hin, wie viel attraktiver und cooler ein Angebot der Welteroberung wirkt als Al Qaidas Strategie der Opferung als Selbstmordattentäter. Faszination verbreiten die Tatortfilme jugendlicher Allah-Partisanen: War einer gestern ein Underdog ohne Schulabschluss, entscheidet er heute über Folter oder Hinrichtung. Eben noch ein virtueller Videospieler, ein zweidimensionaler Comicheld in der Fantasie, ist er jetzt dreidimensional, real, ein gefürchteter Dschihadist. Bei alledem bieten simple Muster von „rein“ und „unrein“, halal und haram, unreifen, unaufgeräumten Pubertierenden Struktur und Geltung. „Allah sagt uns immer, was zu tun ist.“

In der totalen Konvention liegt das reizvoll Unkonventionelle, das eine Gesellschaft provoziert, die auf Diskurs, Demokratie und freie Individuen setzt. Nun wird im Zuge solcher Provokation an einigen Schulen der Rechtsstaat unterlaufen, und nur wenige Schulleiter und Lehrer sprechen offen. Zu stark ist die Furcht, als „Rassist“ oder „islamophob“ denunziert zu werden, zu groß die Angst um den Ruf der Schule – und die Angst vor der Gewalt der jungen Akteure. Das ist fatal.

Zur Prävention von Amokläufen gibt es inzwischen viele Programme. Warum nicht zum Eindämmen des Salafismus? Ehrliche, deutliche Aussagen zum wachsenden Mikroterror an den Schulen fehlen, effektive Programme erst recht. Dabei wären sie so relevant, wie ihr Ausbleiben riskant und fahrlässig ist. Längst gehört das bundesweite Thema Salafismus auf den Tisch der Kultusministerkonferenz. Anfangen könnte es mit einer – eventuell anonymen – Umfrage unter Schulpersonal, um die Dimension klar einschätzen zu können.

Einen kostenlosen Anfang würde es auch bedeuten, die unreflektierte Rede von den „ausländischen Wurzeln“ junger Leute zu beenden. Im Umfeld dieser biologistischen Metaphorik ist es nicht weit zu „wurzellosen“ Zeitgenossen und ähnlich düsteren Ausdrücken. Begriffe wie „Wurzeln“ stigmatisieren. „Wurzeln“ bieten weder Erklärung noch Legitimation für Verhalten, allenfalls liefern sie Anlass zur fehlleitenden, rausredenden Selbstzuschreibung, etwa bei der Diskriminierung von Mädchen und Frauen: „Wir sind eben so, das sind unsere Wurzeln“.

Dem demokratischen Rechtsstaat muss es darum gehen, von radikaler Ideologie gefährdete Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen als junge Staatsbürger, und ihnen die Augen zu öffnen für das enorme Privileg, in dieser Staatsform zu leben, auf Staatskosten lernen zu dürfen, Lebenschancen wahrnehmen zu können. So konsequent wie einleuchtend muss jungen Bürgern klar werden, dass es kein Spiel ist, weder auf dem Schulhof noch irgendwo sonst, den Rechtsstaat zu sabotieren.

Liebe Leserinnen und Leser, in einer früheren Ausgabe hieß der Artikel "Wie Salafisten unsere Schulen unterwandern". Nach Leserhinweisen haben wir die Überschrift in der Redaktion diskutiert und geändert.

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