Meinung : Ist der hohe Preis für Fair-Trade-Produkte gerecht?

Foto: promo
Foto: promo

„Entwicklungshilfe im Einkaufskorb“

vom 13. Oktober

Die Gewissheit, Gutes zu tun“, so beschreibt der Untertitel den Mehrwert von Fair-Trade-Produkten. Diese Vorstellung mag zwar für viele Menschen ein Anreiz sein, mehr Geld auszugeben, sie hat aber mit dem Konzept von fairem Handel eigentlich nicht viel zu tun. Die Idee dahinter lautet schließlich „Fairness“ und nicht „Charity“. Die höheren Preise rühren in erster Linie daher, dass Menschen für die Herstellung nicht ausgebeutet werden, sondern eine angemessene Bezahlung für ihre Arbeit und bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen bekommen. Es lässt tief blicken, wenn man das schon als gute Tat empfindet.

Genau genommen sind fair gehandelte Waren also nicht teuerer, sondern kosten eben genau das, was ein solches Produkt kosten würde, wenn es in der Welt gerechter zuginge. Viele andere Produkte sind eigentlich zu billig, als dass sie ohne Ausbeutung an Mensch, Tier und Umwelt hergestellt werden könnten. So herum wird ein Schuh aus dem Ganzen.

Gerke Schlickmann-Ringsgwandl,

Berlin-Neukölln

Lieber Gerke Schlickmann-Ringsgwandl,

Sie haben völlig recht: Im Grunde genommen sind unsere Waren zu billig.

Das liegt daran, dass viele unserer Produkte im Ausland unter ökologisch und sozial bedenklichen Verhältnissen gefertigt werden. Was für uns günstig ist, ist für die Menschen vor Ort manchmal tatsächlich eine Katastrophe. Beispielhaft hat das kürzlich eine Reportage über den Kakaoanbau auf arte gezeigt. Zu sehen waren Kinder, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten mussten. Der faire Handel sorgt dafür, dass die Bauern und Arbeiter angemessen bezahlt werden, dass sie in einem Umfeld arbeiten, das ihrer Gesundheit nicht schadet, dass sie Anspruch auf bezahlten Urlaub und soziale Vorsorge haben und dass Kinderarbeit verboten ist. Alles Dinge, die für uns völlig normal sind. Von den zusätzlichen Einnahmen werden Trinkwasserbrunnen gebohrt, Schulen gebaut und Arztbesuche subventioniert. Mit Luxus hat das nichts zu tun, sondern mit Würde und schlichter Existenz. Dass Sie das als eine Selbstverständlichkeit empfinden, ist absolut richtig.

Produkte aus dem fairen Handel sind von besonders hoher Qualität. Das liegt daran, dass dort, wo die Gesundheit und die Lebensverhältnisse der Arbeiter insgesamt eine Rolle spielen, auch mit sonstigen Ressourcen, wie Wasser, Energie und Boden sorgsamer umgegangen wird. Wenn beispielsweise weniger Pestizide versprüht werden, um die Arbeiter zu schützen, bleiben nicht so viele Rückstände in den Waren zurück, die wir dann kaufen. Wenn Bauern sich fortbilden können und auf Bioanbau umschwenken, kommt uns das ebenfalls zugute.

Dass gute Qualität ihren Preis hat, wissen wir. Und wir können sie uns auch leisten. Nehmen wir zum Beispiel die Lebensmittel. Haushalte in Deutschland werfen durchschnittlich pro Jahr Nahrungsmittel im Wert von 350 Euro auf den Müll. Weil sie falsch gelagert wurden, weil zu viel eingekauft oder die Mahlzeiten falsch geplant wurden. Wenn wir diese Menge reduzieren, dann tun wir einiges für eine gesündere Umwelt und besseres Klima.

Und es bleibt Geld für fair gehandelte Schokolade, Kakao, Kaffee, T-Shirts, Papier und vieles mehr übrig.

Die Zahl der Verbraucher, die fair gehandelte Produkte kaufen, steigt übrigens rasant. In den vergangenen fünf Jahren hat sie sich verdreifacht. Allein im ersten Halbjahr 2011 stieg der Umsatz um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gerade in Krisenzeiten genießt der faire Handel große Glaubwürdigkeit.

Die Hersteller und Handelsunternehmen haben das erkannt und bieten immer mehr Waren aus dem fairen Handel an. Nicht umsonst lassen beispielsweise Markensportartikelhersteller wie „adidas“ und „Puma“ die Produktion ihrer Fußbälle inzwischen kontrollieren, seit durch die Presse ging, wie sich Kinder in 16-Stunden-Tagen die Finger wund nähten. Die Angst, Kunden zu verlieren und das eigene Image zu beschädigen, war zu groß.

Natürlich gibt es Käufer, die Fair-Trade-Produkte kaufen, weil sie dabei ein gutes Gefühl haben. Aber das ist nicht alles. Das Gesamtkonzept des Fairen Handels überzeugt eben, sowohl Hersteller als auch Käufer. Wie auch immer die Stimmungslage der einzelnen Verbraucher ist: Für die betroffenen Bauern und Arbeiter ist es letztlich unerheblich, aus welcher Motivation heraus ihre Produkte gekauft werden. Für sie ist jeder Käufer mehr ein echter Gewinn. In vielerlei Hinsicht.

— Saphir Robert, Referentin für Nachhaltigkeit, Projekt www.oeko-fair.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar