Justizsenator gesucht : Berlin, die Stadt ohne Personal

Ein paar Tage wird es in Berlin schon noch ohne Justizsenator gehen. Doch einfach wird die Personalsuche in Berlin nicht: Wer einen Ruf zu verlieren hat, will nicht unbedingt Senator werden.

von
Michael Brauns Posten als Justizsenator muss nun neu besetzt werden.
Michael Brauns Posten als Justizsenator muss nun neu besetzt werden.Foto: dpa

Ein paar Tage bleiben dem CDU-Landeschef Frank Henkel, um den Eindruck vom versauten Start seiner Partei im rot-schwarzen Senat zu reparieren und den ersten Austausch-Senator der gerade begonnenen Legislaturperiode vorzustellen. Es wird schwierig werden: In Berlin wollen Leute, die einen Ruf zu verlieren haben, nicht unbedingt Senator werden.

Diese Erfahrung teilt Henkel mit Klaus Wowereit. Der CDU-Mann konnte bei der Besetzung von Führungsämtern nicht mal auf sein Berliner Parteipräsidium zurückgreifen. Und der Regierende holte sich, so hört man, bei der Suche nach einer Bildungssenatorin Absagen in Serie. Jetzt macht die ehemalige Fachfrau der SPD-Fraktion für Kita-Fragen den Job. Die Berliner Politik (und nicht nur sie) hat Personalprobleme. Die passen so gar nicht zum Selbst-Bild der Stadt, in der angeblich alle leben wollen. Aber sie sind real. Und sie sagen einiges über Politik, wie sie sich als Beruf heute darstellt.

Frank Henkel rechnet zu den Gründen, die die Senatorensuche erschweren, die Bezahlung: 10.000 Euro pro Monat sind für gestandene Juristen offenbar nicht verlockend – eine eher schwache Rechtfertigung für Rekrutierungsprobleme. Noch abschreckender als das angeblich magere Gehalt dürfte auf mögliche Kandidaten die Situierung der Berliner Landespolitik wirken. Nicht weit entfernt ereignet sich die Bundespolitik. Das verkürzt die Karrierewege deutlich, mindert aber auch das Ansehen, das der Berliner Betrieb beim regionalen und überregionalen Publikum genießt. Berlin soll halt funktionieren: als Hauptstadt und als Bühne der großen Politik.

Das aber – einfach nur funktionieren – tut die Stadt nicht besonders gut. Von den Schulen über die S-Bahn bis zur Charité wirkt sie wie eine Dauergroßbaustelle. Die Bauarbeiter, um im Bild zu bleiben, stehen da mit ein paar frühen Bieren, rauchen und freuen sich des Daseins.

Den Dauerbaustellen-Charakter wird die Berliner Politik nicht los – und das hat sehr wohl mit dem politischen Personal der Stadt zu tun. Zugegeben: Die Arbeitsumstände hier sind weniger angenehm als in einem Flächenland. Prominent im Positiven wie im Negativen wird man sehr schnell, das liegt am aufgeregten medialen Betrieb in der Stadt. Ein Klaus Wowereit ist damit bekannt geworden – ein Michael Braun wird Monate brauchen, um sich vom Sturz zu erholen.

Anders gesagt: Wer in der Berliner Politik etwas werden will, braucht Nehmerqualitäten, gewiss etwas mehr als ein Landwirtschaftsminister von Niedersachsen. Wer überhaupt etwas werden will in der Politik, braucht ein hohes Maß an Egoismus – und zugleich das Gegenteil davon: den Willen, die Dinge für andere zu ändern.

Wer aber in Berlin mit Ehrgeiz angetreten ist, der kam nicht weit. Der Bildungssenator Jürgen Zöllner hat das lernen müssen, der Finanzsenator Thilo Sarrazin ist über seine Berliner Erfahrung des Nichs-ändert-sich-Wirklich vom Politiker zum Buchautor und Berufszyniker geworden. Dass in Berlin in der Bildungs- oder der Integrations- oder der Wissenschaftspolitik Zeichen gesetzt würden, kann man nicht behaupten. Was funktioniert, das funktioniert ohne die Politik. Das wiederum hat durchaus mit dem Mann an der Spitze zu tun – Klaus Wowereit. Nach zehn Jahren im Amt kann man sagen: Die Stadt hat er so berühmt gemacht wie sich selbst. Doch der Ehrgeiz ist hier nicht zu Hause.

29 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben