KONTRA Punkt : Drohnen statt Demokratie

Der politische Islam ist so stark wie seit hundert Jahren nicht.

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Nichts ist gut in Afghanistan. Als die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann diesen Satz vor zwei Jahren in ihrer Neujahrspredigt sprach, prasselte ein Proteststurm auf sie nieder. Amtsmissbrauch, Populismus, Propaganda der Linkspartei, Defätismus, Stärkung der Taliban: Die Liste der Vorhaltungen war lang.

Heute pfeifen es die Spatzen von den Dächern. Weder gelang das ambitionierte Projekt, am Hindukusch ein ziviles, rechtsstaatliches und demokratisches Gemeinwesen zu errichten. Noch besteht begründete Hoffnung, dass die abgespeckte Variante – robuste Zonen der Sicherheit zu schaffen, die eine Rückkehr der Taliban verhindern – Realität wird. Es ist wirklich nichts gut in Afghanistan.

Noch härter wird das Resümee, wenn man nach dem Warum fragt. Denn nicht die jüngsten Skandale – das Urinieren auf Leichen, Koranverbrennung, Amoklauf – sind für das Scheitern ursächlich. Verantwortlich ist auch nicht etwa eine falsche Strategie. Sondern widerlegt wurde jener Idealismus, dem zufolge Demokratie und Freiheit ansteckend seien.

Als Beispiel galt die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa nach dem Sieg über den Sowjetkommunismus. Trotz Chaos und Rückschlägen schien dort die Tendenz klar in Richtung Demokratie und Zivilgesellschaft zu gehen. Übertragen wurde dieser Geschichtsoptimismus dann auf Afghanistan, ein Land, von den Sowjets zerstört, in Bürgerkriegen zerschunden, erobert durch die Taliban, die es zur Terrorzentrale von Al Qaida hatten werden lassen.

Der Charme dieser teleologischen Interpretation von Geschichte, geschult an Hegel und Marx, bestand darin, den historischen Determinismus – gab’s nie, wird’s nie geben – infrage zu stellen. Der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit: Warum soll die gesellschaftsverändernde Kraft, die sich daraus entfaltet, nicht auch in der muslimischen Welt wirksam werden? Und in der Tat: Von Tunesien bis Ägypten, Libyen bis Syrien schien genau dieser Effekt sich zu ereignen.

Seit einigen Monaten schlägt das Pendel weit in die entgegengesetzte Richtung aus. Der Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ lässt sich erschreckend oft ergänzen. Nichts ist gut im Irak, wo ebenfalls der Krieg als Demokratisierungsbeschleuniger wirken sollte. Nichts ist gut in Libyen, wo Gaddafi gestürzt wurde, sich die Milizen aber nicht entwaffnen lassen. Nichts ist gut in Ägypten, wo radikalislamische Muslimbrüder und Salafisten zwei Drittel der Parlamentssitze eroberten und sich kein Politiker mehr findet, der den Frieden mit Israel verteidigt.

Nichts ist gut in Syrien. Nichts ist gut in Tunesien und Marokko, wo Islamisten ebenfalls triumphierten, und im Gazastreifen, wo die Macht der Hamas ungebrochen ist. Der „Economist“ bilanziert: „Der politische Islam ist in der Region heute stärker präsent als je zuvor seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches.“ Schließlich darf die Annahme als widerlegt gelten, dass Al Qaida von den Umbrüchen nicht profitiert hat. Al-Qaida-Prediger frohlocken sogar über die Entwicklung.

Was folgt daraus? Erstens: weniger Engagement, mehr Eindämmung. In Afghanistan ließ sich der Teufelskreis, den militärische Einmischung in Gang setzte, studieren. 2001 wurden die Taliban besiegt, bis 2005 waren im Land etwa 20 000 ausländische Soldaten stationiert bei relativ wenigen Terroranschlägen. Dann wurde die Zahl der Soldaten erhöht, die Zahl der Anschläge potenzierte sich. Also: Rasch wieder raus da!

Zweitens: mehr Drohnen und Cyberkrieg, weniger Panzer und Bodentruppen. Al Qaida hat längst gelernt, seine Kommandozentralen zu verlegen. Gestern Afghanistan, heute Jemen, morgen Somalia. Keine Armee kann es mit solcher Flexibilität aufnehmen. Schmerzhaft (und teuer) war die Lektion: Territorien zu besetzen – gefolgt vom mühsamen „nation building“ –, ist kein probates Mittel im Kampf gegen global operierende Terrororganisationen.

Nichts ist gut in Afghanistan. Und kaum etwas ist gut in der muslimischen Welt. Höchste Zeit für Einsicht und Umkehr.

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