Kontrapunkt : Putin, der Anti-Deutsche

Was erklärt die Wiederwahl des russischen Präsidenten? Ein Blick in den Berliner Bezirk Tiergarten enthält einen Teil der Antwort, meint Malte Lehming. Ein „Zar auf Zeit“ dürfte Putin jedenfalls kaum sein.

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Für den Großteil der Russen verkörpert Wladimir Putin nach wie vor ein "starkes Russland".
Für den Großteil der Russen verkörpert Wladimir Putin nach wie vor ein "starkes Russland".Foto: DPA

Da standen sie nun am Sonntagabend auf dem Roten Platz in Moskau, ZDF-Chefredakteur Peter Frey und Moderatorin Marietta Slomka. Sie waren eigens dorthin gereist, um im „heute-journal“ zu sagen, was man über Wladimir Putin und Russland eben so sagt. Dass es massive Wahlfälschungsvorwürfe gibt, unabhängige Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen waren, eine Zivilgesellschaft entstanden ist, die sich nicht mehr alles bieten lässt, vor allem nicht Korruption und Gängelung. Und dass Putin kein Demokrat und Reformer ist, dass er das Fernsehen kontrolliert, die Direktwahl der Gouverneure abgeschafft hat, die Rüstungswirtschaft ankurbeln will, allein vom hohen Ölpreis profitiert.

Dann wurde eine widerständige Frauen-Punkband („Pussy Riot“) porträtiert, deren acht Mitglieder – Markenzeichen: Häkelmasken - nach einem Skandalauftritt in einer orthodoxen Kirche („Mutter Gottes, erlöse uns von Putin“) vorübergehend festgenommen worden waren, was den Repressionscharakter des russischen Staates illustrieren sollte. Am Ende war der Zuschauer zwar nicht viel klüger, dafür aber ging er mit der Hoffnung zu Bett, dass einst auch Putin von einem Volksaufstand hinweggefegt werde, wie es zuvor mit den Despoten in Tunesien, Ägypten und Libyen geschah. Ein „Zar auf Zeit“, wie Peter Frey prognostizierte.

Unser Autor vor zwei Wochen auf dem Roten Platz in Moskau.
Unser Autor vor zwei Wochen auf dem Roten Platz in Moskau.Foto: Tsp

Vielleicht hätte das ZDF auch eine etwas kostengünstigere Dienstreise antreten sollen, um zu verstehen, warum dieser Putin wiedergewählt wurde. Denn dass er die notwendige Mehrheit auch ohne Wahlfälschungen erhalten hätte, daran zweifeln nicht einmal eingefleischte Oppositionelle. Die Reise hätte in den Berliner Bezirk Tiergarten geführt, in die Nähe vom Brandenburger Tor, dem Reichstag und von Adolf Hitlers ehemaliger Reichskanzlei. Dort nämlich, an der Straße des 17. Juni, steht das sowjetische Ehrenmal. In der Mitte der acht Meter hohe Rotarmist, eingerahmt von zwei sowjetischen T-34-Panzern, die im April 1945 beim Vormarsch auf Berlin angeblich die Stadt als Erste erreicht hatten.

Die sowjetischen Ehrendenkmäler Berlins in Bildern:

Sowjetische Ehrendenkmäler in Berlin
Blick auf das Areal des sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide im Berliner Stadtteil Pankow. Das Ehrenmal wurde im Jahr 1949 eingeweiht.Alle Bilder anzeigen
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05.03.2012 12:11Blick auf das Areal des sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide im Berliner Stadtteil Pankow. Das Ehrenmal wurde im Jahr...

Das sowjetische Ehrenmal ehrt die Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Stalin hatte Hitler besiegt, die Rote Armee – wenn denn die 8.-Mai-Rede von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker richtig war – hatte die Deutschen vom Faschismus befreit. Millionen Russen hatten ihr Leben in diesem Kampf gelassen.

Es gibt kaum einen Russen, der diese Sicht auf die Geschichte nicht teilt. Zwar gelangten bereits im Februar 1956, auf dem 20. Parteitag der KPdSU, einige Verbrechen Stalins ins Bewusstsein, insbesondere die „Säuberungen“ an kommunistischen Parteimitgliedern, wesentlich später erkannte man auch im Gulag und der Unterdrückung vieler Völker die verbrecherische Natur des Systems. Doch der Weg in die unzweideutige Zerknirschung, den viele Deutsche nach 1945 beschritten, blieb den Russen versperrt. Die tiefste Schmach soll ihnen nicht die Erinnerung an vergangene Größe rauben.

Doch eben das schien nach dem Zerfall der Sowjetunion zu geschehen. Hatte man im Kalten Krieg dem Westen noch Paroli bieten können, scherte sich dieser nun einen Dreck um russische Befindlichkeiten. Ob Irak- oder Balkankrieg, Nato-Osterweiterung oder Raketenschild: Moskaus Njet wurde ignoriert. Kein Wunder, dass mit Putin jemand nach oben kam, der versprach, das komatöse Staatswesen wiederzubeleben und seine Landsleute wieder stolz auf ihr Land werden zu lassen.

Wie ist die Bilanz nach einem Jahrzehnt? Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Ölpreis hoch, die Wirtschaft wächst, die Löhne steigen stärker als die Inflation, das Bruttosozialprodukt pro Kopf hat sich mehr als verdoppelt, die Zahl der zugelassenen Autos fast verdreifacht. Jeder Vergleich mit der vorrevolutionären Stimmung in den Ländern der „Arabellion“ ist verfehlt. Ja, es stimmt alles, was man Negatives über Putin sagen kann. Er ist kein lupenreiner Demokrat, seine Selbststilisierung ist abstoßend, er regiert autoritär, paternalistisch und paktiert mit Despoten, siehe Syrien.

Aber dass sich viele Russen nach einem „starken Russland“ sehnen und Putin diese Sehnsucht auf offenbar unwiderstehliche Weise stillt, sollte zumindest anerkannt werden. Folglich dürfte der „Zar auf Zeit“ noch geraume Zeit länger, als mancher glaubt, im Amt bleiben. Nur eines kann ihm gefährlich werden: ein sinkender Ölpreis. Aber weil der Energiehunger weiter steigt, auch in Deutschland durch den Atomausstieg, und weil der Irankonflikt eher eskaliert als deeskaliert, braucht sich Putin keine Sorgen zu machen.

Professionelle Vergangenheitsaufarbeiter a la Beate Klarsfeld oder Joachim Gauck wollen die Russen für sich nicht. Sie orientieren sich eher am amerikanischen Modell. Das steht in Washington DC, ein paar hundert Meter vom Kapitol entfernt, und es heißt: „Japanese American Memorial to Patriotism During World War II“. An sich soll es an die Zwangs-Internierung von 120.000 japanischstämmigen Amerikanern nach dem Überfall auf Pearl Harbor erinnern. Erst 1983 erkannte die US-Regierung dieses grobe Unrecht an, einige Opfer erhielten eine kleine Entschädigung. Doch auf einer großen Granitplatte sind auch Aussagen japanischstämmiger Amerikaner eingraviert, die an der Seite der Alliierten gekämpft hatten und stolz auf Amerika sind. Keine Schmach darf stärker sein als der Stolz: In Russland, England, Frankreich und Amerika gilt nach wie vor das Gegenteil der deutschen Devise. Auch das erklärt Putin.

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