Kontrapunkt : Was ist „sexuelle Vielfalt“?

Und wenn das geklärt ist: Soll sie bereits im Grundschulunterricht gelehrt werden? Berlins Senat sagt Ja. Malte Lehming meint, man kann auch anderer Ansicht sein.

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25.06.2011: Schrill gekleidet wie immer startete am Samstag der Umzug zum Christopher Street Day (CSD) am Ku'damm. Foto: ReutersWeitere Bilder anzeigen
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27.06.2011 10:4525.06.2011: Schrill gekleidet wie immer startete am Samstag der Umzug zum Christopher Street Day (CSD) am Ku'damm.

Zur neudeutschen Leitkultur gehören die Mülltrennung, der Atomausstieg, die Verteidigung der öffentlich-rechtlichen Medien und der Kampf gegen jede Art von Diskriminierung. In Berlin fügt man seit zehn Jahren gern hinzu: Und das ist auch gut so.

Vom Karneval der Kulturen bis zum Christopher Street Day: Die kulturelle und sexuelle Vielfalt der Stadt wird präsentiert und zelebriert – und für sie wird bunt geworben. Erst seit 42 Jahren ist Homosexualität in Deutschland nicht mehr strafbar. Die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität ist durch das Antidiskriminierungsgesetz verboten worden. Die Homophobie indes ist noch längst nicht besiegt.

Was also liegt näher, als das Thema bereits in der Grundschule zu behandeln? Die Initiative des Senats dazu heißt: "Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt." Es geht darin um verschiedene Lebens- und Liebesentwürfe, die Normalität des "Anders-Sein", um Geschlechterrollen. Im Rahmen des Aufklärungsprojekts des Vereins "ABqueer" reden ehrenamtliche Mitarbeiter mit Grundschulkindern über lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Lebensweisen. Vorurteile sollen aufgebrochen, mit Klischees aufgeräumt werden.

Das Ideal, das vermittelt werden soll, ist klar – eine größtmögliche Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt. Was aber ist "sexuelle Vielfalt"? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei Hetero, Homo, Bi und Transgender ist die Sache relativ einfach. Und bei Polyamorie, Polygamie und Inzest? Wer der Ansicht ist, dass alle Formen von Sexualität, die erwachsene Menschen freiwillig miteinander praktizieren, zur tolerablen sexuellen Vielfalt gehören, muss diese drei Formen mit einbeziehen. Wer sie dagegen aus dem Curriculum ausschließen will, braucht gute Argumente.

Der bloße Hinweis auf Verbote oder gesellschaftliche Konventionen ist jedenfalls zu wenig. Kinder wollen das Konzept verstehen. Das Konzept muss also einleuchtend sein. Wer etwa das Inzestverbot mit einem höheren Risiko erbkranken Nachwuchses erklärt, muss auf die Frage gefasst sein, ob dann auch behinderte Menschen kein uneingeschränktes Recht auf Sexualität haben sollten.

Und weiter: Sind Liebe und Sexualität wirklich an Monogamie geknüpft? Nicht nur Muslime machen da andere Erfahrungen. Polyamoristen propagieren "offene, liebevolle, stabile sexuelle Beziehungen von mehr als zwei erwachsenen Menschen". Was spricht dagegen? 

Wenn aber nun das Konzept der zu tolerierenden sexuellen Vielfalt nicht abschließend geklärt werden kann, ist dann die Grundschule der richtige Ort, um es in seiner interpretatorisch dehnbaren Form zu vermitteln? Wer schützt die Kinder vor der Willkür der Vermittelnden?

Welche Rolle die Berliner Multikulturalität beim Thema "sexuelle Vielfalt" spielt, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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