Kritik von den UN : Thilo Sarrazin und der Rassismus

Die UN kritisieren Deutschland wegen Äußerungen Thilo Sarrazins. Doch dabei wird übersehen: Gerade das Benennen von Defiziten im Zusammenleben zwischen Biodeutschen und Migranten stärkt die Integrationsarbeit.

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Thilo Sarrazin
Thilo SarrazinFoto: Thilo Rückeis

Also sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel vor rund zweieinhalb Jahren: „Kinder aus Einwandererfamilien brechen doppelt so häufig die Schule ab wie deutsche Kinder, ausländische Jugendliche haben doppelt so oft keine Berufsausbildung. Deshalb gibt es auch unter Migranten weitaus mehr Hartz-IV-Bezieher als unter Deutschen.“ Ist das Rassismus?

Im September 2007 wurde eine Studie veröffentlicht, die im Auftrag des Lesben- und Schwulenverbandes durchgeführt und vom Bundesfamilienministerium finanziert wurde. Ihr Ergebnis: Junge Migranten sind mehrheitlich homophob. Zwei Drittel der türkischstämmigen und die Hälfte der russischstämmigen Jugendlichen in Berlin haben schwulen- und lesbenfeindliche Ansichten. Unter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ist es „nur“ ein Viertel. Ist diese Studie rassistisch?

Jahr für Jahr gibt es die Berliner Kriminalitätsstatistik. Und Jahr für Jahr registriert sie eine überproportional große Zahl von jungen ausländischen Straftätern. Die Polizeigewerkschaft verteidigt vehement das Herkunftskriterium insbesondere bei Gewaltdelikten. „Wir brauchen die Herkunftsländer der Straftäter dringend zur Verbrechensbekämpfung, beispielsweise zur Prävention oder zur intensiven Zusammenarbeit mit den dortigen Polizeibehörden“, sagte vor wenigen Tagen der Landesvorsitzende der Gewerkschaft, Bodo Pfalzgraf. Rassismusvorwürfe seien falsch.

Recht hat er. Natürlich sind auch weder die Kanzlerin noch der Lesben- und Schwulenverband rassistisch. Wäre im Bildungs- und Sozialwesen, in der Arbeitswelt und bei der Kriminalität, bei kulturellen Einstellungen wie zur Homosexualität und zum Umweltschutz alles paletti, bräuchte das Land weder Integrationsbeauftragte noch Integrationsgipfel, man müsste weder Berufsbildungsberichte verfassen, noch Forschungsfelder mit dem Titel „interkulturelle Pädagogik“ anbieten. Gerade weil das Zusammenleben von Biodeutschen und Migranten nicht ganz reibungslos funktioniert, muss genau erforscht werden, wo es klappert, woran es liegt und wie man Abhilfe schafft.

Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ den ersten Teil der Aufgabe angepackt. Akribisch und mit Hilfe einer Fülle von Fakten (von denen einige freilich ausgedacht waren, andere überinterpretiert wurden) lieferte er gewissermaßen den Grundstock für jeden Integrationsgipfel. Sieht man von einigen pejorativen Urteilen und genetisch fragwürdigen Annahmen ab, könnten seine Kontrahenten, wenn sie klug wären, begeistert in die Hände klatschen. Denn Sarrazin beweist doch vor allem, wie nötig, ja gesellschaftlich essenziell Integrationsarbeit ist. In der Substanz gleich, in der Wortwahl gewiss weit weniger drastisch findet sich dessen Befund auch im Nationalen Integrationsplan.

Doch anstatt sich über die Datensammlung des unfreiwilligen Mitstreiters zu freuen und den Casus ins Positive zu wenden, schäumen Sarrazins Gegner vor Wut. In einem Verfahren, das an Absurdität grenzt, hat sich jetzt sogar der Antirassismusausschuss der Vereinten Nationen der Sache angenommen und die deutsche Staatsanwaltschaft gerügt, weil sie dem Autor keinen Maulkorb verpasst hat. Dümmer geht’s nimmer. Die einzige Folge wird sein, dass Sarrazin mal wieder in die Rolle der verfolgten Unschuld schlüpft.

Was folgt aus „Deutschland schafft sich ab“? Nichts anderes als die Notwendigkeit verstärkter Integrationsbemühungen. Das fängt in der Schule an und hört bei einer Migrantenquote für den öffentlichen Dienst nicht auf. Sprach- und Erziehungskompetenzen müssen verbessert, „Diversity-Beauftragte“ benannt, die sozioökonomische Abwärtsspirale durchbrochen werden. Sarrazin beklagt, was kaum ein Integrationspolitiker bezweifelt. Bloß dass dieser im Klagen verharrt, während jene Abhilfe schaffen wollen.

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