Meinung : Ländervergleiche taugen nicht

„Höher, weiter, schlechter“ vom 6. Oktober

In der momentanen Bildungsdebatte um die schlechten Ergebnisse bei den Berliner Schülern wird der Schrei nach Fortbildung laut.

Es gab z. B. in Berlin-Wilmersdorf durchaus nicht wenig Fortbildungen zum jahrgangsübergreifenden Lernen! Die Saph-Gruppe unserer Schule (Schulanfangsphase) traf sich häufig und regelmäßig, es gab von und mit Kollegen recht straff organisierte Fortbildungen im Bezirk, die wir auch untereinander kommunizierten. Wir besuchten die Regionalkonferenzen zur Sprachförderung und diskutierten Konzepte. Fachliteratur wurde auf Konferenzen weitergereicht.

Die jetzt aufkommenden Erkenntnisse zum JüL, zur vorzeitigen Einschulung sowie der beklagenswerten Abschaffung der Vorklassen hätten erfahrene Lehrer schon vor ca. sechs Jahren voraussagen können.

Nach 22 Jahren Schuldienst in Berlin kann ich sagen: Es ist sehr anstrengend und unübersichtlich geworden, wir werden aber älter!

An den Lehrern herumdoktern (dabei die jungen Kollegen vergraulen) bringt wenig. Schulen vernünftig ausstatten, pensionierte Kollegen wirklich ersetzen z. B. und die Klassenfrequenzen niedrig halten, brächte unserer Alltagsarbeit viel. Schulen, die das JüL zurücknehmen, werden zurzeit mit Klassenfrequenzen von 28 Kindern (!) und Reduzierung von Erzieherstunden im Ganztagsbereich bestraft. Die Kinder allerdings sind problematischer und verwirrter denn je.

Wir sind eigentlich ganz gut fortgebildet. Ausgestattet sind wir erbärmlich.

Bettina Eisenhuth, Berlin-Schöneberg

Nun geht es wieder los, das Gerede um Lehrerfortbildung, Schulleitungskompetenz und und und. Alles sinnvolles Beiwerk, was zusätzlich sicher hilfreich ist. Die Gesamtsituation kann dadurch aber nicht aus der Schieflage gebracht werden. Den einzigen Ausweg aus dem Dilemma forderte jetzt unlängst in einem Tagesspiegel-Kommentar der ehrenwerte Bundesaußenminister und Vizekanzler a. D., Hans-Dietrich Genscher: Runter mit den Gruppenfrequenzen auf unter zwanzig Schüler, je nach Bildungsferne und sonstigen Lernschwächen auch auf noch weniger. Dann flutscht das auch im Laden Zukunft. Jeder in diesem Feld jetzt eingesetzte Euro zahlt sich dort mehrfach aus.

Thomas Grützmann, Sekundar-

schullehrer, Berlin-Tempelhof/Schöneberg

Der neue Ländervergleich des IQB stellt fest, dass die Grundschüler in Berlin, Bremen, Hamburg im Vergleich zu denen in Bayern und Sachsen am Ende der 4. Klasse schlechtere Leistungen im Lesen und in Mathe zeigen und am Ende der Rangliste stehen. Und flugs werden in Berlin mit diesen Ergebnissen ursächlich die Grundschulreformen der letzten Jahre in Verbindung gebracht, die also offensichtlich misslungen seien. Das sagen die IQB-Wissenschaftler nicht, auch nicht, dass Fortbildungen „vergessen“ worden seien, wie im Tagesspiegel-Artikel behauptet. Die Studie weist differenzierter als frühere Studien aus, wie sehr die sozial-kulturellen und sozioökonomischen Lebensbedingungen der Kinder eine Rolle für ihre Bildungsentwicklung spielen und dass Armut in bildungsfernen und durch Migration bestimmten Familien die Lernentwicklung der Kinder erheblich belasten. Bekanntlich haben Berlin, Bremen, Hamburg

besonders viele dieser benachteiligten Kinder – Bayern und Sachsen weitaus weniger. Die Studie hat diese Risikogruppen aber in den Ländern nicht in gleichem Umfang untersucht. Sind dann

die Untersuchungsergebnisse insgesamt vergleichbar?

Außerdem: Bayern wird bescheinigt, die leistungsstarken Kinder aus bildungsinteressierten Elternhäusern besonders gut zu fördern – die Studienergebnisse wurden also durch die intensiv unterstützenden Elternhäuser Bayerns und Sachsens mitbestimmt. Für Bayern wird in der Studie aber auch offenbart, dass dort die bessere Förderung bildungsbenachteiligter Kinder genauso unzureichend gelingt wie in den anderen Bundesländern.

Als Konsequenzen sind also für alle Bundesländer zu ziehen: Intensive Unterstützung in allen Bundesländern bei der Förderung der benachteiligten Kinder – das bedeutet umfangreichere Finanzierung, Überprüfung der Wirksamkeit der Fortbildungen, wissenschaftliche Unterstützung bei Sprach- und Förderprogrammen. Es ist zu hoffen, die Kultusministerkonferenz nimmt wahr, dass die Länder hier koordiniert zusammenarbeiten müssen. Rankingvergleiche taugen gar nichts, herabwürdigende Schlagzeilen auch nicht! Bayern und Sachsen können sich nicht bequem zurücklehnen und meinen, ihre Bildungspolitik und länderspezifischen Strukturen seien gut so und kochen weiterhin ihr Süppchen länderegoistisch – zulasten auch ihrer bildungsbenachteiligten Kinder!

Ulla Widmer-Rockstroh,

Grundschulverband, Berlin-Wilmersdorf

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