Lesermeinung : „Kein Mensch braucht die Landesbibliothek“

Alexander Grossmann hält die geplante Zentrale Landesbibliothek in Tempelhof für ein unnötiges Prestigeprojekt Wowereits. Statt in ein „Bauwerk aus der Welt des vergangenen Jahrtausends“ sollte man lieber in innovativere Konzepte investieren, fordert unser Leser.

Alexander Grossmann

Endlich und nach etlichen Berichten zu dem Thema beschreibt der Tagesspiegel einmal, was die zukünftige Zentrale Landesbibliothek in Tempelhof ist: Ein reines „Prestigeprojekt der Berliner Sozialdemokraten“ und offensichtlich allen voran von Klaus Wowereit, der das Projekt bedingungslos vorantreibt.

Eine überkommene und überholte Struktur

Allerdings: Kein Mensch braucht mehr im 21. Jahrhundert und in Zeiten von Facebook, Cloud oder „Big Data“ eine Räumlichkeit, die ihren Anspruch überwiegend aus überkommenen Notwendigkeiten ableitet: Nämlich primär der Sammlung und Aufbewahrung von Büchern oder Zeitschriften sowie der Verfügbarmachung der Literatur – zentral – an einer Stelle. Das ging seit hunderten Jahren nicht anders und war bis zum Siegeszug des Internets ein bewährtes Konzept.

Spätestens aber seit den 2000er Jahren erscheint ein (neues) Bauwerk für diesen Zweck per se als eine überkommene und überholte Struktur. Warum? Literatur und Inhalte sind heute fast überwiegend elektronisch verfügbar, können und sollten damit auch – dezentral – den Lesern und Nutzern bereitgestellt werden. Für die Fälle älterer Werke, wo das trotz großangelegter Digitalisierungsmaßnahmen bisher noch nicht möglich ist, gibt es ausreichend Lagerplatz in den vorhandenen Bauwerken.

Berlin hat kein Geld für ein reines Prestigeprojekt

Berlin hat kein Geld, schon gar keines für monströse Bauwerke, die weder sinnvoll noch notwendig sind, sondern anscheinend eher der persönlichen Befriedigung der Geltungssucht einzelner Politiker dienen. Ein Prestigeprojekt eben, nur leider eines, das absolut unnötig ist. Anders kann man es leider kaum empfinden, gerade als jemand, der selbst früher regelmäßig Bibliotheken besucht und genutzt hat, als Wissenschaftler, Verlagsfachmann und Privatperson. Seit mehr als zehn Jahren suche ich selbst keine Bibliothek mehr auf, sondern beschaffe mir sämtliche Literatur über das Internet. Wie denn sonst? Mit Mitte vierzig bin ich da wahrscheinlich kein Einzelfall, die jüngere Generation wird es noch drastischer sehen und urteilen – und für sie soll die ZLB ja gebaut werden.

Warum keine „Virtuelle Landesbibliothek“?

Warum wird nicht nur ein Bruchteil der Gelder, die jetzt für die Wowereit-ZLB geopfert werden sollen und an anderen Stellen, zum Beispiel für soziale Projekte, Schulen oder Kultur jetzt schon fehlen, für ein innovativeres Konzept eingesetzt? Statt eines Baukörpers aus der Welt des vergangenen Jahrtausends könnte zum Beispiel gezielt in eine „Virtuelle Landesbibliothek“ investiert werden, die kein Gebäude benötigt, denn der Leser sitzt ohnehin woanders: zu Hause, im Café, in der Schule, unterwegs ... Hier würde in Konzepte, Software, Datenbanken und Nutzerinterfaces investiert, die leben und sich mit den Bedürfnissen der Nutzer fortentwickeln, statt in statische, tote Gebäude. Berlin könnte damit Innovationskraft zeigen und beweisen, auf die der Senat an anderer Stelle sonst gerne verweist.

Eine vertane Chance, wenn man sich nicht in letzter Minute noch eines Besseren besinnt, Ideen gäbe es genug, nur leider nichts mehr, was man „in Stein meißeln“ kann.

Alles andere ist anachronistisch, und ich würde mich freuen, wenn auch der Tagesspiegel dieses Thema etwas kritischer und vor allem differenzierter reflektieren würde, als es in der Berichterstattung der vergangenen Wochen und Monaten der Fall war.

Prof. Dr. Alexander Grossmann, Berlin-Frohnau

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