Mann, oh Mann : Das vergessene Geschlecht

29.10.2011 22:39 UhrVon Walter Hollstein
Warum neigen Jungen und Männer so viel häufiger zu Gewalt als Mädchen und Frauen? Weil sie vergessen wurden, sagt der Autor Walter Hollstein. Foto: dpa
Warum neigen Jungen und Männer so viel häufiger zu Gewalt als Mädchen und Frauen? Weil sie vergessen wurden, sagt der Autor Walter Hollstein. - Foto: dpa

Brutal prügelnde Jugendliche schreckten die Republik auf. Es sind die Taten einer verzweifelten und orientierungslosen Generation junger Männer. Ein Gastkommentar.

Vor 25 Jahren hat die amerikanische Männerzeitschrift „Man“ einen wegweisenden Artikel veröffentlicht. Die These: „Wir haben es mit einer sozialen Krankheit zu tun; sie heißt: unreife Männlichkeit.“ All diejenigen, die sich heute nicht mehr „einkriegen“, hätten keine Chance gehabt, Männlichkeit sinnvoll zu erfahren. „Es wurden ihnen nur negative Klischees vom Mann gezeigt – von überbeschützenden Müttern, die sich beim Sohn über den Vater beschwerten, und später von den Feministinnen.“ Nun „laufen sie als alt gewordene Jungen herum und sind tickende Zeitbomben. Sie sind unglücklich. Aber sie haben auch nichts dagegen, andere unglücklich zu machen“.

Sie schlagen, um bei aktuellen Beispielen zu bleiben, scheinbar grundlos Passanten zusammen, zünden Autos an oder machen als so bezeichnete „Eventchaoten“ Randale.

Das Problem ist noch etwas grundsätzlicher. In den vergangenen vierzig Jahren hat sich die Politik auf die Förderung von Mädchen und Frauen konzentriert; dass es noch ein anderes Geschlecht gibt, geriet dabei in Vergessenheit. „Unsere Söhne haben Probleme“, schreibt William Pollack, einer der bedeutendsten Jungenforscher, „und diese Probleme sind gravierender, als wir denken“. Selbst die Jungen, die nach außen den Anschein erweckten, mit dem Leben gut zurechtzukommen, seien davon betroffen. „Gemeinsam mit anderen Forschern musste ich in den letzten Jahren erkennen, dass sehr viele Jungen, die nach außen hin ganz unauffällig wirken, in ihrem Inneren verzweifelt, orientierungslos und einsam sind.“ Diese Gefühle leben sie dann oft mit Wutattacken, Zerstörungen oder mit Gewalt gegen andere aus. Was brutal wirkt und es auch ist, ist tiefster Ausdruck einer furchtbaren Hilfs- und Orientierungslosigkeit. Es darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen werden, dass sich Männergewalt häufig gegen sich selbst richtet. Männer bringen sich in Deutschland mehr als dreimal so häufig um wie Frauen und Jungen sogar achtmal häufiger als Mädchen.

Das alles ist, folgt man den Ergebnissen der Forschung, Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Jungen können sich heute nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurecht finden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt. Das ist ganz eindeutig eine Überforderung.

Jungen werden inzwischen in einer gesellschaftlichen Konstellation groß, die ihnen keine authentische Verhaltenssicherheit vermittelt. Das traditionelle Männerbild wird überall kritisiert; Männer werden als Defizitwesen hingestellt, die schon mit großen Defekten auf die Welt gekommen seien und eigentlich nur alles falsch machten. Die Sinus-Studie über die Lebensentwürfe 20-jähriger Frauen und Männer, die die deutsche Bundesregierung 2007 in Auftrag gegeben hat, belegt die männlichen Zukunftsängste. Den jungen Männern fehlen in Bezug auf ihre eigene Geschlechtsidentität „die positiven Vorbilder zur Orientierung.“ Sie äußern gar die Befürchtung, demnächst „gesellschaftlich überflüssig zu werden“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche dramatischen Auswirkungen die Ratlosigkeit auf die Entwicklung der Jungen hat.

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