Netzausbau : Im Land der langen Leitungen

Der Ausbau der Stromnetze ist eine Herkulesaufgabe. Damit die Energiewende gelingt, müssen sich nun alle flexibel zeigen: Behörden, Unternehmer, Banken - und Naturschützer.

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Kein schöner Anblick: Wie hier in Brandenburg in der Nähe von Fürstenberg fressen Stromtrassen oft Schneisen in die Landschaft. Foto: dapd
Kein schöner Anblick: Wie hier in Brandenburg in der Nähe von Fürstenberg fressen Stromtrassen oft Schneisen in die Landschaft.Foto: dapd

Es eine Herkulesaufgabe, ein Infrastrukturprojekt so groß wie zuletzt das der Deutschen Einheit. Um es zu realisieren, müsse ein Ruck durch die Gesellschaft gehen, sagte am Mittwoch der Tennet-Geschäftsführer Martin Fuchs. Schon wieder! Die Chefs der vier großen Netzbetreiber sparten bei der Präsentation ihres nationalen Netzausbauplans nicht am Pathos. Übertrieben aber haben sie nicht.

Nüchtern betrachtet ist das, was sie vorschlagen, zunächst eine Zumutung – für die Anwohner der geplanten Stromtrassen, für die Umwelt, für jeden privaten und die meisten gewerblichen Stromkunden.

Denn sie sind es, die die 20 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren über ihre Stromrechnung aufbringen müssten, um den Bau und Ausbau von 3800 Kilometern neuer Leitungen zu finanzieren. Es ist so, als wolle man eine Autobahn von Berlin ins türkisch-iranische Grenzgebiet bauen – wobei das sicher leichter zu organisieren wäre.

Denn, anders als in Anatolien, muss ein Projektplaner hierzulande hinter jeder Ecke mit einem Naturschützer rechnen, der einen Rotmilan, eine Gelbbauchunke oder eine Hufeisennase findet, die vom Bau einer Trasse verschreckt werden könnte. Dass Menschen der Tiere Anwalt sein wollen, ist legitim. Und es gehört auch zur guten Kultur in diesem Land, dass man Pipelines, Autobahnen und Starkstromkabel nicht ohne Rücksicht durchs Unterholz treibt. Und doch werden diese Naturschützer, sofern sie Widerstände gegen konkrete Bauprojekte leisten, unter einem deutlich stärkeren Rechtfertigungsdruck stehen. Wollen sie die heimische Wirtschaft, den nationalen und globalen Klimaschutz gefährden, um den regionalen Naturschutz radikal durchzusetzen?

Hier bekommt auch die Grüne Partei ein Problem. War es ihr bisher recht elegant gelungen, die gröbsten Widersprüche zwischen Umweltschutz und Klimaschutz in sich aufzulösen, dürfte das für sie nun deutlich schwerer werden. Die Grünen müssen sich bekennen – und tun es auch: Parteichef Cem Özdemir beklagte erst am Dienstag das „Schneckentempo“ beim Ausbau der Netze. Würden sich Grüne in den kommenden Monaten nun wie bei Stuttgart 21 Baggern in den Weg stellen, wäre die Partei ganz offensichtlich gespalten.

Niemand erfreut sich am Anblick neuer Strommasten, doch wer den Ausstieg aus der Atomkraft wirklich will, muss ihn ertragen. Die Kanzlerin täte gut daran, das bei jeder Gelegenheit klar und deutlich zu formulieren.

Der Netzausbauplan ringt also Umweltschützern, Anwohnern und allen Stromkunden Opfer ab. Doch auch Institutionen müssen sich bewegen: Behörden müssen Genehmigungsverfahren deutlich schneller bearbeiten, Unternehmen risikobereiter sein, Banken und Versicherungen ihre teils völlig überzogenen harten Bedingungen überarbeiten, die sie an Finanzierungszusagen knüpfen. Denn die Erfahrungen bei den jüngsten Stromausbauprojekten haben gezeigt: Dort, in den Institutionen, haben viele Akteure eine besonders lange Leitung.

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