NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes : Mitläufer, aber keine Mörder

Unter Joschka Fischer wurde das Auswärtige Amt einst von Forschern auf seine NS-Vergangenheit untersucht. Jetzt hat der Historiker Daniel Koerfer die Geschichte neu aufgearbeitet - und sucht mit viel Polemik den Streit mit seinen Kollegen.

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Auswärtiges Amt: Mitläufer unter Hitler
Auswärtiges Amt: Mitläufer unter HitlerFoto: dpa

Diplomatie ist jedenfalls nicht die Stärke dieses Diplomatie-Historikers. Mit den ironisch gemeinten Worten „Ich hab’ das Buch geschrieben aus Groll, Gram und Geltungssucht“ begann Daniel Koerfer am Dienstag die Vorstellung seines neuen Werkes. Unter dem Titel „Diplomatenjagd. Joschka Fischer, seine Unabhängige Historikerkommission und Das Amt“ rechnet der Honorarprofessor der Freien Universität Berlin mit den Ergebnissen jener Kollegen ab, deren Band „Das Amt und seine Vergangenheit“ (Blessing) vor drei Jahren die bisher letzte große historische Debatte in Deutschland ausgelöst hatte.

Mit welchem Furor der 58-Jährige die Kontroverse mit seinen Widersachern sucht, zeigt sich auch an Kapitelüberschriften wie „Hitlers willige Diplomaten im Visier von Fischers willigen Historikern“. Der Grünen-Außenminister, so Koerfer, habe als „68er“ in seinem Hass auf die Generation der während des NS-Regimes tätigen Diplomaten „politische Auftragsforschung“ bestellt – und von dem Historikerkollektiv um Eckart Conze prompt geliefert bekommen.

Gegen die These vom Auswärtigen Amt (AA) als „verbrecherische Organisation“ (Conze) will der Berliner Zeitgeschichtler nachweisen, dass es keine AA-Initiative gegeben habe, die die Entwicklung in Richtung Völkermord entscheidend vorantrieb. Die Weisungen kamen ihm zufolge aus dem Reichssicherheitshauptamt. Im AA habe es wie überall Mitläufer gegeben, aber es sei „zu keinem Zeitpunkt und auch nicht annähernd“ am Entscheidungsprozess zum Völkermord beteiligt gewesen.

Der Schüler Arnulf Barings, der auch für den Tagesspiegel schreibt, durchpflügt das Terrain der NS-Geschichte mit Lust an der Provokation. Er weiß: „Wer sich in das Feld der deutschen Kernschmelze begibt, kommt leicht schwerbeschädigt wieder heraus.“ Das Pfeifen auf akademische Formen der Auseinandersetzung fällt ihm womöglich deshalb leicht, weil er sich zugleich als Unternehmer in der familieneigenen Immobilienfirma engagiert.

„Es bringt mich auf die Palme, wenn ich über Deutschland, seine Politiker und seine Medien nachdenke“, erklärte er kürzlich und lobte das Auswandern. Erschienen ist das Buch im Potsdamer Verlag „Strauss Edition“, der nicht als erste Adresse für Zeitgeschichte gilt. Darüber, ob Koerfer seiner Sache mit persönlichen Angriffen und polemischen Zuspitzungen einen Gefallen getan hat, entscheiden aber vor allem seine Historikerkollegen.

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