Religion : Kampf mit Toleranz

Die Debatte um Religion und Säkularität verschärft sich in ganz Europa. Dabei sollte man genau auf die Motive der Beteiligten achten.

Marian Burchardt
Foto: Reuters

Die europäischen Gerichte werden derzeit von einer beispiellosen Welle von Klagen und Verhandlungen überrollt, in denen Religion und Säkularität eine zentrale Rolle spielen. Am 15. Januar veröffentlichte allein der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vier Urteile, die von Regierungen, religiösen Gruppen und Menschenrechtsexperten mit Spannung erwartet worden waren.

Dabei waren die Sachverhalte recht verschieden. Es ging um die Frage, ob eine Fluggesellschaft einer Flugbegleiterin das Tragen eines Kruzifixes untersagen darf; und ob Krankenschwestern aus Gründen von Sicherheit und Gesundheit gezwungen werden können, das Kruzifix abzulegen. Es wurde aber auch geprüft, ob britische Standesbeamte unter Berufung auf ihre Religions- und Gewissensfreiheit von der Pflicht zur Vermählung gleichgeschlechtlicher Paare entbunden werden dürfen; und ob auch Eheberater aus denselben Gründen homosexuellen Paaren ihre Dienste verweigern dürfen. Nur die Klage der Flugbegleiterin hatte Erfolg.

Immer häufiger urteilen Gerichte auch über die Anerkennung der religiösen Praktiken von Minderheiten, also etwa über jüdische und muslimische Speiseregeln in staatlichen Schulkantinen, religiöse Kleidervorschriften, rituelles Schlachten oder die in Deutschland intensiv diskutierte Frage religiöser Beschneidung. Spiegelbildlich dazu verhalten sich Klagen der katholischen Kirche – häufig also von Mehrheiten – gegen die Abschaffung bestimmter Privilegien. Insbesondere Papst Benedikt XVI. stand Forderungen nach Säkularität immer skeptisch gegenüber. Damit stellt sich die Frage, in welche Richtung sich der Vatikan nach seinem Rücktritt nun orientieren wird. Klar ist indes: Vor Gericht ist Religionsfreiheit nicht das „winning game“, für das es weithin, vor allem von Skeptikern, gehalten wird.

Tatsächlich hat die gesellschaftliche Bedeutung von Rechtskonflikten um Religion in westlichen Ländern in jüngster Vergangenheit massiv zugenommen. Mindestens so bedeutsam wie die Rechtsfindung selbst ist indes die Frage, wie diese Auseinandersetzungen öffentlich wahrgenommen und gesellschaftlich diskutiert werden. Das Papier, auf dem Urteile geschrieben werden, bleibt bisweilen geduldig. Warum aber läuft die Erregungsmaschine sofort heiß, wenn es um Religion und Säkularität geht? Was sagt dies über die Beziehungen zwischen Religiösen und Nichtreligiösen?

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