Schule und Migration : Die Schwierigkeit mit den Multikulti-Klassen

Die Lenau-Schule in Kreuzberg hatte eine Klasse für "Bio-Deutsche" eingerichtet. Der Streit ist nun beigelegt. Doch das Problem ist längst nicht gelöst.

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Eine Klasse nur für die Neles und Sebastians unter den Schülern? An der Lenau-Schule in Kreuzberg gab es dagegen Protest.
Eine Klasse nur für die Neles und Sebastians unter den Schülern? An der Lenau-Schule in Kreuzberg gab es dagegen Protest.Foto: dapd

Ein halbes Jahrhundert Armutszuwanderung hat Spuren hinterlassen. Nicht nur bei den Sozialausgaben, sondern auch in allen deutschen Bildungs- und Arbeitslosenstatistiken. Jeder Bundesbürger kann wissen, dass die großen Migrantengruppen in Deutschland bildungsferner sind als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Dieses Wissen hat Folgen, zum Beispiel bei der Schulwahl: Eltern zucken zurück, wenn sie sehen, dass in der benachbarten Grundschule fast alle Kinder aus eben den Familien kommen, die irgendetwas mit der Armutszuwanderung zu tun haben könnten. Sie suchen eine Umgebung für ihr Kind, die ein besseres Leistungsniveau verspricht. Notfalls geben Bildungsbewusste Geld für eine Privatschule oder einen Umzug aus oder verschleiern ihre richtige Wohnadresse, um keiner Schule zugeordnet zu werden, die die Chancen ihres Kindes schmälert.

Anders als die vermeintlich politisch Korrekten gern suggerieren, haben die betreffenden Eltern in den seltensten Fällen „rassistische“ Beweggründe. Was sie umtreibt, ist lediglich die Angst, ihrem Kind die Schullaufbahn zu vermasseln. Denn sie wissen, dass es nicht alle Lehrer schaffen, leistungsstarken Kindern Lesen und Schreiben und einiges mehr beizubringen, wenn die übrigen Klassenkameraden weder richtig Deutsch sprechen noch eine Schere oder einen Buntstift halten können, wie es die Einschulungsuntersuchungen offenbaren. Ganz zu schweigen von den Verhaltensauffälligkeiten, die mit Bildungsferne, sozialer Randständigkeit und übermäßigem Medienkonsum einhergehen.

Deutschlands Grundschulen in den sozialen Brennpunkten haben alle Hände voll damit zu tun, um das Vertrauen der leistungsorientierten – deutschen und nicht deutschen – Eltern zu werben. Sie tun es auf vielfältige Weise. Manche überzeugen mit guten Ergebnissen bei den Vergleichsarbeiten, andere mit einem großartigen Schulklima und zugewandten Lehrern. Wieder andere suchen gezielt deutschsprachige Kinder, um eine bessere Durchmischung der Schülerschaft hinzubekommen.

Denn es ist ja nicht so, dass nur „Bio-Deutsche“ sich eine solche Durchmischung wünschen. Viele Migranten ziehen am selben Strang, weil sie wollen, dass ihre Kinder integriert werden. Und weil sie sehr wohl wissen, dass Deutschlands Zuwanderer überdurchschnittlich bildungsfern sind.

Mit dieser Gemengelage müssen die Grundschulen zurechtkommen. Sie wandern auf einem sehr schmalen Grat, wenn sie versuchen, auf ihre Schülerzusammensetzung Einfluss zu nehmen. Das hat auch die Kreuzberger Lenau-Schule gemerkt, an der es jetzt einen Aufstand türkischer Mütter gibt, die nicht hinnehmen wollten, dass ihre Kinder reinen Migrantenklassen zugeordnet wurden.

Das Beispiel zeigt, wie viel Fingerspitzengefühl an den betreffenden Schulen gefragt ist, zumal der Zuwandereranteil in Deutschland weiter steigt und eine ausgewogene Mischung in vielen Städten immer mehr zur Utopie wird.

Es kann deshalb nur um die kleine Lösung gehen, die jede Schule für sich finden muss. Im Idealfall wird sie darin bestehen, dass deutschstämmige oder bildungsnahe Familien in den umliegenden Kitas ermutigt werden, ihre Kinder in kleinen Gruppen an die Kiezschulen zu schicken, damit sie in schwierigen Multikulti-Klassen bei vertrauten Freunden „andocken“ können. Aus diesen kleinen Gruppen sollten aber keine „Deutschenklassen“ werden.

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