Meinung : Vererbte Chancenlosigkeit

Eine Million Kinder in Armut sind zu viel

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Von Katrin GöringEckardt In Deutschland nehmen die sozialen Unterschiede seit mehreren Jahrzehnten wieder zu. In unserem Land haben sich neue Unterschichten herausgebildet: Sie führen ein Leben zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Teilzeitarbeit und Sozialhilfe, zwischen Schwarzarbeit und frustriertem Totalrückzug, und auch zwischen völliger Entpolitisierung und Anfälligkeit für Populismus. Sie leben in eigenen Milieus und Stadtteilen, sie sondern sich kulturell und auch räumlich ab. Das wirklich Bedrückende ist: Sie haben keine Chance, dort wieder herauszukommen. Betroffen sind vor allem Familien mit Kindern. Die Chancenlosigkeit der Eltern wird auf die Kinder vererbt, sie setzt sich nicht nur fort, sondern sie potenziert sich.

Immer mehr Kinder einkommensschwacher Familien sind verhaltensauffällig. Sie beherrschen kaum die eigene Sprache, betreiben wenig Sport und kommen ohne Frühstück zur Schule. Sie hängen viel länger vor der Glotze als der Bundesdurchschnitt, sie ernähren sich ungesund – vor allem mit teurem Fast Food – und geben große Summen für Unterhaltungselektronik aus. Es ist nicht so sehr das fehlende Geld, das diese Kinder von der Gesellschaft ausschließt. Es ist mehr eine soziale und kulturelle Unterversorgung. Sie gehen weder in die Musikschule noch in den Sportverein, sie sind in keiner Bibliothek angemeldet, sie besuchen kein Museum mit ihren Eltern, sie reisen nicht und haben ein Theater noch nie von innen gesehen.

Wir können es uns nicht leisten, auf diese Kinder zu verzichten, aber wir tun es, jedenfalls bisher. Das ist der eigentliche Skandal. Nun hat die rot-grüne Bundesregierung in den letzten Jahren einiges getan, um der Kinder- und Familienarmut entgegenzuwirken: Mit der Einführung des Kinderzuschlags, mit dem Kindergeld und steuerlichen Erleichterungen für Familien sind wichtige Schritte für die materielle Grundversorgung auf den Weg gebracht worden. Wir setzen durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen verstärkt Anreize zum (Wieder-)Eintritt in den Beruf, um so das Armutsrisiko Nr. 1, Arbeitslosigkeit, oder Niedrigeinkommen der Eltern, direkt anzugehen. Aber wir wissen: Das reicht nicht aus. Eine Million Kinder, die in Armut leben, sind ein alarmierendes Signal. Wir dürfen die Tatsache nicht länger ignorieren: Deutschland ist Schlusslicht, was die Eröffnung von Chancen, was den Ausbruch und den Aufstieg aus den sozialen Randzonen der Gesellschaft betrifft. Die deutsche Gesellschaft ist zu starr geworden. Bestimmte Schichten haben kaum noch Chancen, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken und letztlich auch nicht mehr das Interesse, es zu tun. Es fängt schon bei den Kleinsten an, denn in diesem Alter werden die Grundsteine gelegt für das Erlernen der Sprache, für das soziale Verhalten und für die motorischen Fähigkeiten. Kompetenzen, die bei Kindern aus unterprivilegierten Schichten besonders schlecht ausgeprägt sind. Eltern spielen in diesem Lebensalter eine zentrale Rolle. Aber immer häufiger mehr sind Eltern schlecht vorbereitet auf ihre Rolle und ihre Aufgaben – oder überhaupt nicht in der Lage, diese auszufüllen. Deswegen muss sich die Gesellschaft darum kümmern, dass Eltern in die Lage versetzt werden, ihren Kindern die Unterstützung zu geben, die diese brauchen. Und wir brauchen Angebote, um die Lücken zu schließen, dort wo Eltern versagen. Wir brauchen eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung mit gut ausgebildetem Personal. Wir brauchen ein kostenloses Vorschuljahr, wir brauchen Sprachtests vor der Schuleinführung und wir brauchen Fördermaßnahmen für benachteiligte Kinder, damit sie den Anschluss nicht verpassen. Wir wollen eine neue Schule, in der das einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen im Mittelpunkt steht, in der die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen, aber auch ein Musikinstrument. Eine Schule, in der sie lernen, dass Sport auch ohne Gameboy geht, wie gut ein Gemüseeintopf schmeckt und dass man Streit auch ohne Gewalt beenden kann. Und vielleicht das Allerwichtigste: dass es Spaß macht, sich anzustrengen, um etwas zu erreichen. Denn wir können auf keines der Kinder in diesem Land verzichten. Wir wollen, dass alle dabei sind. Heute in der Schule und morgen im Beruf.

Die Autorin ist Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion.

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