Wachstum und demografischer Wandel : Berlin muss neu gedacht werden

Weil das Bevölkerungswachstum alle Prognosen übersteigt, ist eine radikale Neubesinnung für Berlin nötig. Denn der Streit ums Tempelhofer Feld war lediglich ein harmloser Vorbote für die Konflikte der Zukunft.

von
Immer weiter wachsen. Die Bevölkerung in Berlin nimmt zu, da braucht es neue Konzepte für Wohnungsbau.
Immer weiter wachsen. Die Bevölkerung in Berlin nimmt zu, da braucht es neue Konzepte für Wohnungsbau.Foto: dpa

Schlägereien im „Späti“ und ausgesetzte Hasen, Ehestreitigkeiten und ein Exhibitionist im Park – das Twitter-Projekt der Berliner Polizei offenbarte die ganze Bandbreite metropolen Wahnsinns: von banal bis brutal. Insgesamt war es ein Beleg für die bemerkenswerte Arbeit der Beamten wie für die beruhigende Nachricht, dass Berlin eine ziemlich sichere Millionenstadt ist.

Wie es Berlin schafft, 2030 noch eine relativ entspannte Metropole zu sein, auch darüber wird der Senat bald auf einer Klausur diskutieren. Es geht um nichts weniger als eine Neuerfindung der Stadt. Denn alle Prognosen sind nicht auf jene Bevölkerungszunahme eingerichtet, die wir erleben. In den vergangenen drei Jahren wurden 150 000 Neu-Berliner gezählt, bis 2030 könnten insgesamt rund 400 000 mehr hier leben. Berlin könnte dann knapp vier Millionen Einwohner haben, und mit der umgebenden Metropolenregion würden sich hier sechs Millionen Menschen drängen.

Mehr Gestaltungsraum durch Wirtschaftsboom

Metropolen ist eigen, dass es dort schneller und aggressiver zugeht, vor allem teurer wird; soziale Gegensätze werden wachsen, Verteilungskämpfe härter werden, und Verlierer gibt es ebenfalls. Selbst verantwortungsvolle Politik kann Härten nicht vermeiden; sie kann ein spannungsarmes Zusammenleben aber gestalten wollen. Weil die Wirtschaft boomt und Berlin Start-up-Metropole ist, gibt es mehr Gestaltungsraum, ist die zweite gute Nachricht. Die Bereitschaft, ihn zu nutzen, ist aber im Senat nur gering entwickelt. Ferne Erinnerung ist der Schwung, mit dem Rot-Rot 2001 daran ging, der Pleitestadt neue Wege zu weisen, verkrustete Strukturen aufzubrechen, radikal zu sparen und eine wirtschaftliche Erholung durch die Konzentration auf neue Wachstumsfelder zu ermöglichen.

Noch mehr Enge? 2030 könnten sich im Großraum Berlin bis zu 6 Millionen Menschen drängen
Noch mehr Enge? 2030 könnten sich im Großraum Berlin bis zu 6 Millionen Menschen drängenFoto: dpa

Doch solch radikale Neubesinnung ist nötig, wenn Berlin um eine mittlere Großstadt größer wird. Der Streit um die Bebauung des Tempelhofer Feldes wird ein laues Geplänkel sein gegenüber der künftigen Suche nach bebaubarer Fläche. Es wird zwangsläufig enger. Nachdem die Wohnfläche pro Person seit dem Mauerfall anstieg, werden Wohnungen wieder kleiner werden. Es irritiert aber, dass der Senat nicht einmal genau weiß, was an innerstädtischer Baufläche vorhanden ist. Ging die Prognose bis vor kurzem noch von 20 000 möglichen Wohnungen im Zentrum aus, meldet nun allein der Bezirk Mitte Platz für 17 000 Einheiten.

Die wachsende Stadt ist deshalb keine Schreckensvision, sondern sollte ein Impuls für die Hauptstadt der Experimente und kreativen Lösungen sein. Bislang wird daraus zu wenig gemacht, wie sich etwa bei der Elektromobilität zeigt, wo Berlin zwar deutsches Schaufenster ist, aber kaum energischen Innovationswillen zeigt. Auch über scheinbar eherne Gesetze wie die berühmte Traufhöhe muss Berlin nachdenken – nur durch höhere Häuser lässt sich vermeiden, dass alle Flächen betoniert werden. Denn wer sich die Zukunft nicht verbauen will, muss auch Reserven vorhalten für heute noch nicht absehbare Infrastrukturprojekte.

Masterplan für Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen

Überdacht werden müssen die nicht auf massiven Zuzug ausgelegten öffentlichen Strukturen. Das Ziel, an 100 000 Beschäftigten festzuhalten und den Bezirken weiteren Personalabbau zu diktieren, während deren Aufgaben gleichzeitig zunehmen, ist unhaltbar. Das stete Wirtschaftswachstum mit Steuermehreinnahmen erleichtert eine radikale Modernisierung der zweistufigen Verwaltung – mit E-Governance und Bürgernähe. Weil drei von vier Zuzüglern Singles sind und jünger als 45, wird Berlin wegen der Familiengründungen auch einen Masterplan für Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen benötigen. Das gilt auch für ein Nahverkehrskonzept, das schnelle Verbindungen ermöglicht – mit Vorrangschaltung für Busse bis zu S-Bahn-Expresslinien, die nicht an jeder Haltestelle stoppen.

Es gilt, die Jahrhundertchance zu nutzen, mit der Berlin an jene durch Krieg und Diktatur unterbrochene Entwicklung anknüpfen kann. Alles zu denken, heißt nicht, am Ende alles zu tun. Aber mutig vorauszudenken, darauf haben die Berliner einen Anspruch. Man könnte das auch Lust auf Fortschritt nennen.

73 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben