Wahlerfolg des Front National : Französische Spezialität

Protestwahl? Überzeugung? Wo bleibt die Demo? Der Erfolg der Front National tut weh, schreibt unsere Gastautorin Pascale Hugues.

Pascale Hugues
Marine Le Pen
Marine Le PenFoto: Reuters

Im Flugzeug nach Paris, Donnerstag vorige Woche: Mein Nachbar und ich kommen ins Gespräch. Er arbeitet bei einem französischen Unternehmen. Gerade war er zwei Tage in Berlin. Tolle Stadt! Paris ist so stressig. Wir plaudern weiter, und ich stelle in aller Unschuld fest: „Wie die Front National gewachsen ist!“ Die blauen Augen meines Nachbarn richten sich auf mich. Er schweigt. Ich schrecke zurück: Wen wählt er? Marine Le Pen? Nach einem Moment ruft er aus: „Ja, man schämt sich fast, Franzose zu sein.“ Fehlalarm. Wir sind auf derselben Seite.

Noch vor wenigen Jahren war mir diese Art von Unsicherheit fremd. Kaum jemand bekannte sich zur FN, und wenn, in der abgeschirmten Wahlkabine. Die FN des Jean-Marie Le Pen, 1983 in der französischen Politik erschienen, wurde lange verteufelt. Wir Journalisten verzichteten darauf, seinen Handlangern das Mikrofon hinzuhalten. Die „Frontisten“ waren Parias. Das ist heute ganz anders! Der Sperrgürtel hat nicht standgehalten. Nicht nur wählt fast ein Viertel der Franzosen die FN, sie posaunen es auch noch heraus. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich im Easyjet neben einem von ihnen wiederfindet, ist ziemlich groß.

In meiner Küche in Berlin, Montagmorgen: Ich höre die Sieben-Uhr-Nachrichten von France Inter. Marine Le Pen wird 26 euroskeptische Abgeordnete nach Straßburg schicken. 26! Bisher waren es nur drei, die in ihrem Winkel krakeelten! Ein Neuling im Europaparlament wird interviewt. Jung, eloquent. Die Argumente reihen sich perfekt aneinander. Er verteidigt die Trennung von Kirche und Staat, ein Grundpfeiler der Französischen Republik, er will die sozial Schwachen beschützen – da schau her, sage ich mir, ein waschechter Sozialist, ein Absolvent der ENA, der sich für das soziale Europa und die republikanischen Werte einsetzt. „Jeder starrt nur noch auf diesen kleinen Brüsseler Dingsbums. Wenn man sich in diesem Land für die Nationalflagge starkmacht, wird man sofort als Nazi abgestempelt“, sagt er plötzlich. Mir dämmert, dass da ein Abgeordneter der Front National spricht. Ich bin perplex. Mich überrascht der radikale Wandel in Stil und Sprache. Anders als ihr Vater verkörpert Marine Le Pen, jung, geschieden, Mutter, ein modernes Frankreich. Keine fremdenfeindlichen Ausfälle, Schluss mit den revisionistischen Entgleisungen.

Nein, das Fußvolk der FN besteht nicht mehr aus den skurrilen Alten, die dem Vichy-Frankreich nachtrauerten, sondern aus Arbeitslosen unter 35 und aus Arbeitern, die durch Krise und Rückgang der Industrie entwurzelt sind und sich enttäuscht vom Sozialismus abgewendet haben, weil er offenbar nichts für sie tun kann.

Abendessen mit deutschen Freunden, Montagabend: Ich bemühe mich, das Ergebnis zu relativieren, weil es einfach zu weh tut. Die Wahlenthaltung hat den Extremisten in die Hände gespielt. Bekanntlich dienen Europawahlen als Ventil, um Dampf abzulassen. Die Franzosen haben den Eliten, die sich angesichts der Wirtschafts- und Identitätskrise bestenfalls als unfähig, schlimmstenfalls als korrupt erwiesen haben, einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst. Protestwahl? Überzeugung? Fest steht jedenfalls, dass Marine Le Pen bei der Europawahl triumphiert, einen Monat, nachdem sie bei den Kommunalwahlen gute Ergebnisse eingefahren hat. Ja, die FN schöpft leider aus einem Reservoir stabiler und treuer Wähler. Und am Sonntag ist aus der Welle, die mein Land schon seit langem überflutet, ein Tsunami geworden. Diese starke extreme Rechte ist eine französische Spezialität. Dagegen sind AfD und NPD mit ihren Mini-Wahlergebnissen Kleckerkram, die Pforten des Bundestags bleiben ihnen verschlossen. Ich beneide die Deutschen.

Wo bleibt die Demo? Auf den Straßen ist nichts zu sehen. Dabei haben wir schon 2002 einen ähnlichen Schock erlebt. Bei den Präsidentschaftswahlen erreichte Jean- Marie Le Pen die Stichwahl. Ein Duell mit Jacques Chirac. Zu Tausenden marschierten wir von der Bastille zum Place de la République, um der extremen Rechten den Weg zu versperren. Schüler, Studenten, Rentner, Manager. Beim Marsch der Bürger morgen werden nicht viele erwartet. Es ist ein Feiertag und Regen angesagt. Da bleibt man lieber zu Hause. Man schimpft ein bisschen in den sozialen Netzwerken. Das war’s dann.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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