Saudi-Arabien : Die Feuerwehr darf nun auch Mädchen retten

23.05.2010 02:00 UhrVon Martin Gehlen
Mit Abstand. Ein Mann und eine Frau schauen von der Aussichtsplattform des King Towers auf Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad. In dem Königreich brauchen Frauen, die reisen oder zum Arzt gehen wollen, die Genehmigung eines männlichen Verwandten. Foto: Katharina Eglau
Mit Abstand. Ein Mann und eine Frau schauen von der Aussichtsplattform des King Towers auf Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad. In dem Königreich brauchen Frauen, die reisen oder zum... - Foto: Katharina Eglau

Um die Rechte der Frauen ist es in Saudi-Arabien schlecht bestellt – der König bemüht sich um eine vorsichtige Öffnung des Landes auf der Arabischen Halbinsel.

Eine Meldung in der „Saudi Gazette“ brachte dieser Tage die Katastrophe an einer Mädchenschule in Mekka wieder ins Gedächtnis – angerichtet im Namen islamischer Moral. Alle Schulleiter und Wachleute hätten „die klare Anweisung“, dekretierte nun ein Rundschreiben des Erziehungsministeriums, Rettern in Notfällen sofort Zugang zum Schulgelände zu gewähren – egal ob drinnen Mädchen oder Jungen lernen. In jedem anderen Land der Welt wäre dies eine Selbstverständlichkeit. Im Königreich Saudi-Arabien war das am 11. März 2002 allerdings nicht so.

Das Feuer brach damals während des Unterrichts aus. In Panik versuchten Lehrerinnen und Schülerinnen, sich ins Freie zu retten.

Ihre Abayas, die dunklen körperlangen Übergewänder, die auf den Straßen Saudi-Arabiens Pflicht sind, hatten sie in der Eile in der Garderobe zurückgelassen. Was sich dann abspielte, haben später Reporterteams mehrerer saudischer Zeitungen minutengenau rekonstruiert. Zum Entsetzen der Flüchtenden versperrten die bärtigen Wächter der Religionspolizei von außen die Türen des brennenden Gebäudes. Drei von „Allahs Männern“ prügelten nach Augenzeugenberichten sogar auf Mädchen ein, die in Todesangst versuchten, ins Freie zu drängen. Flammen, Chaos, verzweifelte Schreie – viele der Eingesperrten rannten zurück in die mit Rauch gefüllten Klassenzimmer, um ihre Abayas zu suchen. Ein paar Mädchen, die durch einen nicht bewachten Ausgang entkommen waren, zwangen die Eiferer der „Behörde zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters“ durch eine andere Tür wieder zurück in das Inferno. Sie hinderten sogar die entsetzten Feuerwehrleute zunächst am Löschen – am Ende waren 15 Mädchen tot und mehr als 50 verletzt.

Der damalige Kronprinz und heutige König Abdullah nutzte die Empörung in der Bevölkerung, um erstmals gegen die gefürchtete und allmächtige Religionspolizei durchzugreifen. Alle Mädchenschulen wurden ihrer Aufsicht entzogen und – wie die Jungenschulen – dem Erziehungsministerium unterstellt. Anfang 2009 holte der Staatschef mit Norah al Faiz die erste Frau ins Kabinett. Als stellvertretende Erziehungsministerin ist sie vor allem für die Mädchenbildung zuständig. Aus ihrem Haus stammt die jüngste „klare Anweisung“ an alle Verantwortlichen.

Denn um die Rechte von Frauen ist es in Saudi-Arabien nach wie vor schlecht bestellt. Behandelt werden sie wie Minderjährige. Sie dürfen nicht wählen oder Auto fahren. Mit fünf Prozent ist der weibliche Anteil auf dem Arbeitsmarkt der niedrigste der Welt. Wer als Frau reisen, heiraten, ein Konto eröffnen oder einen Arzt aufsuchen will, braucht die Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds. Ein Vater kann seine 12-jährige Tochter sogar zur Ehe mit einem 80-Jährigen zwingen. Schulen und Universitäten sind strikt nach Geschlechtern getrennt.

Und dennoch tut sich was in dem ölreichen Wüstenstaat, wenn auch nur im Zeitlupentempo. Vorsichtig versucht der 86-jährige reformwillige Monarch Abdullah, Frauen mehr Räume zu öffnen – gegen den erbitterten Widerstand des religiösen Establishments und konservativer Kreise in der Königsfamilie. „Wir wollen das Staatsschiff wenden, ohne dass an Deck eine Schießerei ausbricht“, sagt einer seiner Berater.

Einen wichtigen Hebel für innere Reformen sieht der König im Ausbau des Bildungssystems. In Riad lässt er eine Frauenuniversität für 40 000 Studentinnen aus dem Boden stampfen. Pro Jahr erhalten inzwischen mehrere tausend junge Frauen ein großzügiges Regierungsstipendium für ein Studium im Ausland, von dem sie mit neuen Ideen und selbstbewussten Lebensplänen zurückkommen. Nach einer Studie der Wiener Organisation „Frauen ohne Grenzen“ erhoffen sich drei Viertel aller saudischen Akademikerinnen „eine erfolgreiche Karriere“.

Eine Reihe von Frauen hat sich als Zeitungskolumnistinnen einen Namen gemacht. Als kürzlich eine Hobbydichterin bei einem populären Poesiewettbewerb eine gereimte Fundamentalkritik gegen die verbohrten Fatwas ihrer Heimat vortrug, ging sie am Ende als Dritte mit einem Preisgeld von 816 816 Dollar nach Hause.

Trotzdem ist das gesellschaftliche Tauziehen mit den religiösen Eiferern keineswegs entschieden. So dürfen an der nagelneuen König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technologie bei Dschidda erstmals Frauen und Männer auf einem Campus zusammen studieren. Ein hoher Staatskleriker, der in einem Interview dagegen protestierte, wurde sofort seines Amtes enthoben. Postwendend sprang ihm der einflussreiche Hardliner Scheich Abd al Rahman al Barrak zur Seite und erklärte per Fatwa, wer die Vermischung der Geschlechter an Universitäten oder Arbeitsplätzen fördere, sei ein Ungläubiger und sollte getötet werden. Daraufhin ließ sich König Abdullah inmitten von drei Dutzend Teilnehmerinnen einer Frauenkonferenz fotografieren – und sorgte dafür, dass das Bild später in fast allen Zeitungen erschien.

Aber auch im konservativen Lager zeigen sich Risse. So sorgte ausgerechnet der Chef der Religionspolizei von Mekka, Ahmad al Ghamdi, in den eigenen Kreisen für Aufregung. In einem Interview erklärte er, nichts im Islam verbiete Männern und Frauen, sich an öffentlichen Plätzen wie Büros oder Schulen zu treffen. Die ganze Debatte im Land nannte er verlogen, auch weil viele saudische Familien weibliche Haushaltshilfen aus Asien beschäftigen. Al Ghamdi muss es wissen. Er selbst wurde einmal am frühen Morgen am Rand der heiligsten Stadt des Islam mit einer indonesischen Angestellten im Wagen erwischt – die normalerweise fällige Anklage auf Ehebruch verschwand diskret unter dem Teppich. Seinen Doktortitel hat der Tugendwächter bei einer obskuren Online-Universität in den USA gekauft. Selbstverständlich wurde er nach seinen Äußerungen vom obersten Chef der Religionspolizei gefeuert. Stunden später jedoch saß al Ghamdi wieder an seinem Schreibtisch – auf Druck des Könighauses. Künftig soll er darüber wachen, dass seine Moralgarden keine Schulmädchen mehr in den Tod schicken, weil diese sich nicht „anständig“ angezogen aus den Flammen retten konnten.

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