3,2 Millionen Vertriebene : Das grenzenlose Drama der syrischen Flüchtlinge

Millionen syrische Flüchtlinge müssen in Nachbarstaaten integriert werden. Die sind überfordert. Der Westen soll helfen. Wie dramatisch ist die Situation?

Martin Gehlen, Christian Böhme
Durch den Matsch. Auf schlechtes Wetter sind die Flüchtlingslager kaum eingerichtet.
Durch den Matsch. Auf schlechtes Wetter sind die Flüchtlingslager kaum eingerichtet.Foto: AFP

Die Not der Syrer kennt schon lange keine Grenzen mehr. Im vierten Kriegsjahr sind mehr als zehn Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen – das ist die Hälfte der Bevölkerung. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten Flüchtlingskatastrophe des 21. Jahrhunderts.

Im Land selbst haben schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Frauen, Kinder und Männer ihre Heimat verloren. Mehr als 3,2 Millionen Syrern ist die Flucht in die Nachbarstaaten gelungen. Diese sind völlig überfordert. Sie brauchen daher dringend Unterstützung. Und das nicht nur kurz-, sondern langfristig. Denn klar ist: Der Krieg in Syrien wird so bald nicht enden. Die Hilfe für die Aufnahmeländer in der Region muss also auf eine neue Basis gestellt werden. In Berlin soll am Dienstag bei einer Konferenz darüber beraten werden.

Was ist das Ziel des Treffens?

Im Auswärtigen Amt werden hochrangige Vertreter von 40 Nationen, internationalen Hilfsorganisationen, den Vereinten Nationen und der Weltbank erwartet. Sie wollen auf Einladung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Entwicklungsminister Gerd Müller und UN- Flüchtlingskommissar António Guterres darüber beraten, wie künftig die Lasten zwischen den Aufnahmeländern und der internationalen Gemeinschaft fair verteilt werden können. Aus Sicht der Bundesregierung sollte am Ende der Konferenz möglichst ein politisches Bekenntnis stehen: Diejenigen, die bislang die Hilfe für Syrer finanzieren, werden dies auch langfristig tun. Im Gegenzug erklären sich die Aufnahmestaaten bereit, sich weiterhin um die Schutzsuchenden zu kümmern.

Diese Unterstützung an Ort und Stelle aber soll nicht nur die unmittelbare Versorgung etwa mit Lebensmitteln oder Unterkünften beinhalten. Vielmehr wird eine nachhaltige Hilfe für die Syrer erwartet. Das heißt, sie bekommen zum Beispiel Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung oder können staatliche Schulen besuchen. Beides ist bislang oft nicht gewährleistet, weil die Staaten in der Region damit schlicht überfordert sind. Ohne Hilfe von außen können sie diese Aufgabe nicht meistern.

Ordnung. Im Gegensatz zu Flüchtlingen, die in überfüllten Dörfern der Einheimischen leben, haben Syrer in Aufnahmelagern eine geregelte Infrastruktur. Doch der Winter in den Zelten kann hart werden.
Ordnung. Im Gegensatz zu Flüchtlingen, die in überfüllten Dörfern der Einheimischen leben, haben Syrer in Aufnahmelagern eine...Foto: AFP

Was erwarten die Aufnahmeländer und Hilfsorganisationen von dem Treffen in Berlin?

Keiner stellt infrage, dass Syriens Nachbarn unter enormen Anstrengungen bereits viel geleistet haben. Ägypten etwa hat 2013 nach eigenen Angaben allein elf Millionen Dollar für die medizinische Versorgung der im Land lebenden Flüchtlinge ausgegeben. Klar ist auch, dass diese Länder längst an ihre logistischen Grenzen gestoßen sind. Von Tag zu Tag nehmen daher die Konflikte in Gemeinden, Dörfern und Städten zu. Denn dort sind die meisten syrischen Flüchtlinge untergebracht, nicht in den zumeist noch recht gut organisierten Lagern.

Das hat erhebliche soziale und wirtschaftliche Folgen. In vielen Aufnahmeländern sind beispielsweise die Wohnungsmieten explodiert. Gleichzeitig brechen die Löhne ein, weil viele Syrer ihre Arbeitskraft zu Dumpingpreisen anbieten. Schulen und Krankenhäuser sind völlig überlastet. Genau da muss nach Ansicht von Hilfsorganisationen angesetzt werden. „Die Syrer werden wohl noch lange in den Aufnahmeländern bleiben müssen. Deshalb braucht es dringend Investitionen in die dortige Infrastruktur – bei Gesundheit, Bildung und Arbeit“, sagt Stefan Telöken, Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks in Deutschland. Ähnlich sieht das Abeer Ziadeh. Sie ist bei Save the Children als Programmdirektorin für Jordanien zuständig und fordert ebenfalls neben der kurzfristigen Nothilfe eine langfristige Entwicklungsunterstützung für die Aufnahmeländer. „Diese ausreichend zu finanzieren, ist eine zentrale Aufgabe der Weltgemeinschaft und gehört zur gerechten Verteilung der Lasten.“

Kinder warten hinter dem Zaun des Flüchtlingslagers bei der türkischen Stadt Suruc auf einen warmen Tee.
Kinder warten hinter dem Zaun des Flüchtlingslagers bei der türkischen Stadt Suruc auf einen warmen Tee.Foto: AFP

Mit welchen Problemen haben Länder wie Jordanien und der Libanon zu kämpfen?

Die Hauptlast der Flüchtlingskatastrophe tragen neben der Türkei die Nachbarn Libanon und Jordanien. Mehr als 1,1 Millionen Menschen hat das kleine Libanon bislang offiziell aufgenommen – das entspricht mindestens 25 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Libanesen wissen, was Bürgerkrieg bedeutet. Bereits 1975 hat ihre Heimat als erstes Land des Nahen Ostens einen 15-jährigen Konflikt bis an den Rand der totalen Selbstzerstörung erlebt – mit 150 000 Toten. Darum hielt Beirut – anders als die übrigen Nachbarn – in den vergangenen Jahren seine Grenze zu Syrien stets offen. Inzwischen jedoch scheint die Belastungsgrenze erreicht. Die Zahl der syrischen Kinder im Schulalter übersteigt längst die Zahl der einheimischen Mädchen und Jungen. Human Rights Watch beklagte kürzlich in einem Bericht die „zunehmende Gewalt von Privatpersonen gegen Syrer“. 45 Gemeinden haben illegale Ausgangssperren für die hilflosen Zugezogenen verhängt. In der vergangenen Woche nun schlossen die libanesischen Behörden erstmals die Grenze für alle Hilfesuchenden und forderten den UNHCR auf, keine weiteren Flüchtlinge mehr anzuerkennen. „Wir können einfach nicht noch mehr Menschen aufnehmen“, erklärte die Regierung.

Eine ähnlich schwere Bürde lastet auch auf Jordanien, das nach offiziellen UN-Angaben 620 000 Syrer beherbergt, von denen allein 120 000 in dem Großlager Zaatari zusammengepfercht sind. Inoffiziell dürfte die Zahl der Flüchtlinge bei mindestens 900 000 liegen. Das entspricht etwa 15 Prozent der ansässigen Bevölkerung. Zusätzlich hatte das Königreich vor dem syrischen Exodus bereits mehrere Hunderttausend Flüchtlinge aus dem Irak bei sich aufgenommen, von denen immer noch eine beträchtliche Zahl im Land lebt. Der Wüstenstaat gehört mit seinen sechs Millionen Einwohnern zu den wasserärmsten Nationen der Welt. In Jordanien, so schätzen die Behörden, gehen zwei Drittel aller syrischen Kinder nicht zur Schule. Und wie im Libanon steigt die Zahl der Kinderehen. Syrische Familien verkaufen ihre minderjährigen Mädchen an reiche Araber, um sich von dem Brautpreis wieder einige Monate über Wasser halten zu können.

Barcelona. Das Trikot dieses Jungen kommt aus Europa. Er selbst darf da nicht hin.
Barcelona. Das Trikot dieses Jungen kommt aus Europa. Er selbst darf da nicht hin.Foto: dpa

Wie werden syrische Flüchtlinge in den Nachbarstaaten aufgenommen?

Der dreieinhalbjährige syrische Bürgerkrieg ist die größte humanitäre Katastrophe in der jüngeren Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens. Sieben Millionen Syrer irren als Binnenvertriebene im Land herum, die meisten haben Angehörige, aber auch Wohnung und Existenz verloren. Weitere drei Millionen, davon etwa die Hälfte Kinder, haben sich in der Türkei oder den arabischen Anrainerstaaten Libanon, Jordanien, Irak sowie Ägypten in Sicherheit gebracht. Die reichen Golfnationen dagegen halten ihre Grenzen fest geschlossen, obwohl sie mit ihren Waffengeldern den Bürgerkrieg kräftig eskaliert haben. Nur rund ein Viertel aller syrischen Flüchtlinge ist in Lagern untergebracht. Die Mehrzahl lebt in Dörfern und Städten unter den Einheimischen. In allen Aufnahmestaaten wachsen daher mit der Länge des Bürgerkrieges auch die Aversionen, obwohl sich zahllose gutwillige Libanesen, Iraker, Türken, Ägypter und Jordanier bis an die Grenze des Menschenmöglichen um die Gestrandeten kümmern. „Libanon wird überschwemmt von Ausländern, sie ruinieren uns“, schimpfte ein Kioskbesitzer im Zentrum von Beirut. Denn Syrer arbeiten für jeden Hungerlohn, um sich und ihre Familien durchzubringen. Abertausende hausen in Zelten, Ställen, Lagerhallen oder Rohbauten, während in der Region der vierte kalte Winter seit dem Beginn des syrischen Dramas Einzug hält.

Welche Folgen hat der Vormarsch des „Islamischen Staats“?

Der Vormarsch wird das polyglotte und multikulturelle Gesicht des Nahen Ostens unwiederbringlich zerstören. Die blutrünstigen Kämpfer des IS haben sämtliche Minderheiten im Norden des Irak in die Flucht getrieben und entwurzelt. Zehntausende Jesiden mussten sich in einer 14-tägigen Odyssee über das Sinjar- Gebirge in den kurdischen Nordirak retten. Hunderte Männer wurden von den Angreifern exekutiert, 2000 Frauen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen als Sklavinnen verschleppt und verkauft. In Mossul und der umgebenden Provinz Ninive wurden binnen Tagen nahezu sämtliche Christen vertrieben. Die meisten flohen nach Erbil, andere in den schiitischen Süden des Irak. Das jüngste Flüchtlingsdrama an der syrisch-türkischen Grenze bei der umkämpften Stadt Kobane betrifft über 200 000 Kurden. Alle Volksgruppen und religiösen Minderheiten lebten hier seit Jahrhunderten. Alle können wahrscheinlich auf Jahre nicht in ihre angestammten Siedlungsgebiete zurück.

Diese Menschen haben wegen der Angriffe der Terrormiliz alles verloren.
Diese Menschen haben wegen der Angriffe der Terrormiliz alles verloren.Foto: AFP

Wie ist die Lage in Syrien selbst?

Nach mehr als drei Jahren Bürgerkrieg sieht es in einigen Regionen Syriens aus wie in Deutschland 1945: Städte, von denen nur Trümmerhaufen geblieben sind. Menschen, die alles verloren haben, irren ziel- und schutzlos umher. Viele leiden zudem Hunger. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, Kliniken und Schulen sind vielfach zerstört. Ohne Hilfe von außen könnten Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende kaum überleben. Das Welternährungsprogramm der UN versorgt mehr als vier Millionen Syrer mit Lebensmitteln.

Doch die Hilfe aufrechtzuerhalten, wird immer schwieriger. Nicht nur, weil der Einsatz unter Kriegsbedingungen lebensgefährlich ist. Sondern vor allem, weil Geld fehlt. Die Vereinten Nationen mussten deshalb ihre Nahrungsmittelrationen um 40 Prozent kürzen. Das heißt, die Menschen müssen pro Tag mit weniger als 1200 Kalorien auskommen – 2000 Kalorien gelten als Minimum, um Mangelernährung zu verhindern. Hinzu kommt die Gewalt. Nirgendwo gibt es Sicherheit. Schätzungsweise 200 000 Syrer sind dem Konflikt im eigenen Land bereits zum Opfer gefallen. Und täglich werden es mehr.

Was bedeutet der Krieg für die syrischen Kinder?

Zwischen allen Fronten sind es vor allem Kinder, die unter der Gewalt und dem Zerfall von sozialen und staatlichen Strukturen leiden. Viele haben nicht nur ihr Zuhause verloren, sondern oft auch ihre Familie. Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) sind fast sieben Millionen Mädchen und Jungen in Syrien selbst und in den Nachbarländern direkt vom Krieg betroffen. „70 000 Kinder wurden seit Beginn des Konflikts als Flüchtlinge geboren. Frieden und ein normales Leben sind ihnen fremd“, sagt Ninja Charbonneau, Sprecherin von Unicef-Deutschland. Und es gibt kaum Hoffnung, dass sich an ihrer Situation in absehbarer Zeit etwas ändert. Als besonders besorgniserregend gilt die fehlende Bildung. Schätzungsweise zwei Millionen Kinder in Syrien gehen nicht mehr oder nur noch selten zur Schule. Viele Lehrer sind entweder tot oder geflohen, die Klassenräume zerstört. Oft genug fürchten Eltern um das Leben ihrer Söhne und Töchter. Sie dürfen deshalb nicht das Haus verlassen.

Kaum besser sieht die Situation für syrische Flüchtlingskinder in den Anrainerstaaten aus. Der Mangel an sinnvoller Beschäftigung führt dazu, dass Millionen Kinder ohne jede Perspektive aufwachsen. Organisationen wie Save the Children oder SOS-Kinderdörfer weltweit warnen deshalb schon lange vor einer „verlorenen Generation“. Eine, die auch anfällig für Fanatismus und Hass sein könnte. Damit es dazu nicht kommt, sind langfristige Investitionen nötig. Bei der Konferenz in Berlin soll dafür ein Grundstein gelegt werden.