André Yorulmaz : "Unser Austritt aus der AfD war ein Fehler"

André Yorulmaz sollte unter Bernd Lucke Generalsekretär der AfD werden. Später trat er aus. Wie denkt der Sohn eines muslimischen Vaters über die Partei und den Islam?

von und Bastian Brauns
André Yorulmaz bei seiner Vorstellung als designierter Generalsekretär der AfD im Juni 2015 in Berlin.
André Yorulmaz bei seiner Vorstellung als designierter Generalsekretär der AfD im Juni 2015 in Berlin.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Herr Yorulmaz, Sie wären unter Bernd Lucke fast Generalsekretär der AfD geworden, sind aber später ausgetreten. Was ist heute Ihre Vermutung, warum so unerwartet viele Menschen die AfD wählen?

Die Partei wird ausgegrenzt, von den anderen Parteien oder etwa aus öffentlichen Diskussionsrunden. Das stärkt die AfD nur. Es ist falsch, zu sagen: Die AfD ist das Problem. Man sollte fragen: Woher kommt die Unsicherheit und die Angst, die viele Menschen diese Partei wählen lassen. Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime stärkt die AfD ungewollt, wenn er provokant fragt: 'Warum hassen Sie uns?' – was übrigens so nie jemand in der AfD gesagt hat. Die Partei lebt davon, dass man versucht, sie mundtot zu reden.

Alexander Gauland erklärte mit seiner Vorstandskollegin Beatrix von Storch den Islam für grundgesetzwidrig. Hätten Sie Bernd Lucke dazu geraten, durch ähnliche gezielte Provokation Diskussionen anzuheizen?

Ich finde Gaulands Äußerung absurd. Das ist Stimmungsmache. Wenn der Islam nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, dann ist es das Christentum auch nicht. Es geht doch darum, wie der Islam ausgelebt wird.

Aber insgesamt war es gut, dass die Partei die Diskussion über den Islam angestoßen hat, weil das andere Parteien auch dazu zwingt. Die AfD hat die Politik in Deutschland von einem Linkskurs wieder hin zur Mitte gebracht. 

Wir erleben die AfD als eine Rechtspartei, die eher Protestwähler anzieht…

Die AfD hat mehr als 20.000 Mitglieder. Mit der AfD entsteht etwas, was man nicht außer Acht lassen darf: eine stille Wut. Und neben den Mitgliedern gibt es viele, die diese Wut vielleicht teilen. Ich verstehe nicht, warum nicht die anderen Parteien, und auch die Bundesregierung, den Bürgern die Gründe für ihre Angst nehmen, die diese Wut hervorbringt. Zum Beispiel erklärt keine Partei den Menschen, welche Folgen die derzeitige Niedrigzinsphase eigentlich für ihre Altersvorsorge hat. Diese Unsicherheit trägt indirekt auch dazu bei, dass viele wegen der Flüchtlingskrise noch mal mehr um ihre Zukunft fürchten. Aber jede Diskussion über die Folgen der Flüchtlingskrise wird im Keim erstickt und die AfD dämonisiert.

Ihr Vater ist Muslim. Wie hat Sie das geprägt?

Ich habe in meiner Jugend viele schlechte Erfahrungen mit dem Islam gemacht: Ich habe zwei Zwangseheschließungen beigewohnt – die Eltern kamen mit ihren Söhnen in unseren Wohnblock in Recklinghausen. Sie stellten die Söhne vor, in der Küche wurde etwas über die Aussteuer gesprochen, dann schlossen die Eltern die Ehe von Tochter und Sohn. Ich habe erlebt, wie das Christentum in Moscheen heftig angegriffen wurde. Kinder, die in der Moschee in einen Nebenraum gebracht wurden, um sie mit der Rute zu bestrafen. Als eine Freundin mit einem Knutschfleck am Hals nach Hause kam, gab es von den Eltern nicht etwa eine fürsorgliche Warnung, sondern es wurde das Messer auf den Tisch gelegt und rumgeschrien: Die Ehre geht kaputt, denn du bist nicht verheiratet.

Haben Sie mit der Religion Ihres Vater gebrochen?

Meinem Vater hat es nicht gefallen, dass ich mich in der AfD engagiert habe. Ich bin heute dem Christentum meiner Mutter viel näher, weil ich das als viel friedfertiger erlebt habe. Wer als Heranwachsender solche Erlebnisse hatte wie ich, der fragt sich, warum darüber nicht gesprochen wird. Ich kenne viele integrierte Muslime, bei denen ich froh bin, dass sie hier in Deutschland sind. Ich bin ein großer Freund von allen, die hier im Rahmen der Gesetze ihren Glauben ausleben. Es ist auch kein Problem, das zu tun. Aber es gibt auch diese Parallelwelten.

Verbände wie der Zentralrat der Muslime kämpfen gegen solche Parallelwelten, in denen Kinder zwangsverheiratet werden und die Familienehre über dem Wohl der Kinder steht…

Der Zentralrat kämpft nicht gegen die Zwangsehe. Sein Vorsitzender Aiman Mazyek sitzt die Konflikte des Islams aus. Er betreibt Euphemismus, wenn er sagt, dass die Extremisten mit der Mehrheit der Muslime nichts zu tun haben und die Radikalen unter den Muslimen überproportional viel Aufmerksamkeit erhalten. Das ist Realitätsverweigerung. Wenn sich in Deutschland Christen organisieren würden, um uns Homosexuelle aufgrund einiger Texte in der Bibel zu jagen, könnte ich auch nicht sagen: Das hat mit dem Christentum nichts zu tun. Auch beim "Islamischen Staat" kann man nicht sagen: Das ist nicht der Islam. Seine Anhänger sind fest davon überzeugt. Und es sind ja nicht wenige. Mazyek sagt, die große Mehrheit der Moscheegemeinden verweigere Extremisten, zu predigen. Was ist dann mit dem Rest der Gemeinden? Soll man die vernachlässigen?

Sie haben vor einem Jahr die AfD mit Bernd Lucke und seinen Anhängern verlassen und die neue, nahezu erfolglose Partei Alfa gegründet, die Sie aber mittlerweile schon wieder verlassen haben. Könnten Sie sich eine Rückkehr in die AfD vorstellen?

Das ist schwierig. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich darüber nachgedacht, als Fördermitglied wieder in die AfD einzusteigen. Es gab Gespräche ohne abschließende Entscheidungen. Rückblickend betrachtet muss ich sagen: Unser Austritt aus der AfD war ein Fehler. Wir hätten alle bleiben sollen, statt die neue Partei zu gründen. Der Radikalisierungsparteitag von Essen vor einem Jahr stand unter starkem Einfluss der ostdeutschen Landesverbände. Die Mehrheit der Mitglieder aber tickte anders. Sinnvoll wäre gewesen, innerhalb der AfD eine Opposition zum Radikalisierungskurs zu bilden und für eine gemäßigte AfD zu kämpfen.

Was hätten Sie dann da anders gemacht?

Wir hätten die muslimischen Gemeinden und die Islamverbände aufgefordert, viel häufiger klar gegen Extremismen Stellung zu beziehen. Wir hätten uns dafür eingesetzt, dass an den Schulen bekenntnisunabhängig Ethik gelehrt werden muss. Die AfD täte gut daran, genau das voranzutreiben.

Vieles davon tut die AfD ja. Und auch bei dem jetzt stattfindenden Gespräch zwischen Petry und Mazyek wird Gelegenheit dazu sein. Haben Sie einen Rat für Petry?

Ein Rat wäre: Man darf eine Religion allein nicht undifferenziert an den Pranger stellen. Denn das schürt Ressentiments.

André Yorulmaz ist selbstständiger Finanzberater in Recklinghausen, wo er auch den AfD-Kreisverband führte. Auf Initiative von Parteimitgründer Bernd Lucke ließ er sich 2015 zum Generalsekretär der AfD nominieren. Wegen der Abwahl Luckes auf dem Essener Parteitag 2015 kam er nie ins Amt. Mit vielen weiteren Lucke-Anhängern trat er aus der AfD aus und gründete die Partei Alfa, trat wenig später aber wieder aus, weil die Partei sich ihm zu sehr an der politischen Mitte orientierte.

Dieses Interview erschien zuerst auf Zeit-Online.

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