Anforderungen an Migrantenkinder : Für wen der Tag 25 Stunden hat

Die Mär von der doppelten Leistung, die für Migrantenkinder alles möglich macht, existiert auch in Deutschland. Sie schafft Barrieren, wo Begegnungen stattfinden sollten. Ein Kommentar.

Deniz Utlu
Foto: Ralf Hirschberger dpa

Mein ganzes Leben lang höre ich schon, wie schwarzen Jungen und Mädchen eingetrichtert wird, ‚doppelt so gut’ zu sein, was letztlich bedeutet, dass sie sich mit halb so viel zufriedengeben sollen.“ Das schreibt der afroamerikanische Journalist Ta-Nehsi Coates in seinem Essay „Zwischen mir und der Welt“. Er kritisiert, wie aus einem Unrecht eine „unentdeckte Tapferkeit“ gemacht wird. Die Mär von der doppelten Leistung, die alles möglich macht, existiert auch in Deutschland: Für Afrodeutsche, für Sinti und Roma und für alle, die nicht als deutsch gelesen werden. Auch für die Kinder von Gastarbeitern. Coates spricht vom „Zeitraub“ – „all die Augenblicke, die wir damit zubringen, unsere Masken zu richten oder uns darauf einzustellen, uns mit halb so viel zufriedenzugeben, und die wir nie zurückbekommen.“

Wo wird diese „geraubte Zeit“ hingetragen? Wenn die einen nur 23-Stunden-Tage haben, wie Coates schreibt, leben andere nicht mit 25-Stunden-Tagen? Sie bekommen „das Floß aus zweiten Chancen“, mit dem die Kinder der Gastarbeiter nie rechnen durften, nicht in der Schule und nicht im Beruf. Wenn ich zwar noch dazu komme, meine letzte Weinflasche zu entkorken, aber keine Zeit bleibt, sie zu trinken: Wer trinkt meinen Wein? Was ist mit dem einen Kuss, für den keine Zeit mehr blieb, wer hat ihn bekommen? Oder ökonomisch konkretisiert: Wer gibt denjenigen ihre Zeit wieder, die sie zum Beispiel bei der ewigen Wohnungssuche mit einem arabischen Nachnamen verloren haben?

Die einen wachsen mit dem Mythos auf, dass sie mit viel Mühe – mit der doppelten – alles oder wenigstens fast alles erreichen können in dieser Gesellschaft. Die anderen wachsen mit dem Mythos auf, dass es eines gibt, das man ihnen nicht nehmen kann: Was immer sie zurückwirft, sie fallen nicht ins Leere. Ihnen bleibt ihr Deutschsein: die fünfundzwanzigste Stunde des Tages, das Glas Wein, aus der Flasche, die jemand anders entkorkt hat, das Vorrecht auf etwas, das anderen aufgrund der Zugehörigkeit vorenthalten wird.

Wer mehr bekommt, als ihm zusteht, wird von sich selbst entfernt.

Dieses Privileg hat aber seinen Preis. Wer mehr bekommt, als ihm zusteht, wird von sich selbst entfernt. Um wieder in Einklang mit sich selbst zu kommen, kann es eine Strategie sein, daran zu glauben, allein durch die eigene Zugehörigkeit wirklich auch mehr wert zu sein – die anderen zu „den Anderen“ zu machen, sie zu entmenschlichen. Dies kann aber nur tun, wer selbst entmenschlicht und verroht.

Hört auf das Doppelte leisten zu wollen

Beiden Seiten– denjenigen, die dazu erzogen werden, sich mit der Hälfte zufriedenzugeben, und denjenigen, die dazu erzogen werden, ihre Privilegien als selbstverständlich zu nehmen – wird dieser Mythos in einem Alter indoktriniert, in dem sie noch nicht sagen können: Ich will diesen Mythos gar nicht. Da beginnt schon die Spaltung im Land, die Scharfmacher aufrechterhalten.

Nun sagen überall auf der Welt Leute wie Coates: Hört auf, das Doppelte leisten zu wollen! Auch in Deutschland. Dieses neue Selbstbewusstsein macht einigen vielleicht Angst. Es geht die Sicherheit verloren, allein aufgrund von Zugehörigkeit weniger getroffen zu werden von den Umbrüchen der Zeit. Um diese Angst zu empfinden, muss niemand arm sein oder eine zu geringe Rente beziehen, sondern am Horizont nur die entfernte Möglichkeit des Statusverlusts wittern. Und es stimmt: Viele Privilegien werden verloren gehen. Aber ihr Verlust ist auch eine Erlösung, die menschliche Begegnungen dort ermöglicht, wo vorher Ressentiments waren. Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Verrohung, die uns spaltet.

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