Angriff auf koptische Christen in Ägypten : Im Griff der Mächtigen

Unter den Auseinandersetzungen in Ägypten leiden vor allem die koptischen Christen. Welchen konkreten Gefahren sind sie ausgesetzt und welche Rolle spielen sie in dem Konflikt?

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Die abgebrannte Prinz Tadros Kirche in Minya, eine Stadt 245 Kilometer südlich von Kairo.
Die abgebrannte Prinz Tadros Kirche in Minya, eine Stadt 245 Kilometer südlich von Kairo.Foto: dpa

Im blutigen Konflikt zwischen den Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi und der Staatsführung sind die koptischen Christen in eine besonders gefährliche Situation. Wegen ihrer Teilnahme an der Protestbewegung gegen Mursi sind sie endgültig zum Feindbild vieler Islamisten geworden. Nachdem die Polizei am Mittwoch gewaltsam das Protestlager der Mursi-Anhänger geräumt hatte, attackierten Sympathisanten der Protestierenden Einrichtungen der christlichen Minderheit in neun Provinzen. Dabei wurden nach Angaben der Polizei und christlicher Aktivisten 26 Kirchen verwüstet. 13 weitere Gotteshäuser wurden leicht beschädigt. Außerdem attackierten die Extremisten sechs christliche Schulen und vier Gemeindezentren. In Suez zündeten sie eine Schule der Franziskaner an. In den südlichen Provinzen Al-Minia und Luxor zerstörten radikale Islamisten Häuser, Autos, Geschäfte und Nil-Ausflugsboote, die Christen gehören.

Die Kopten in Ägypten haben die Absetzung Mursis aktiv unterstützt

Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers und Ägypten-Experten Asiem El Difraoui sind die Kopten schon immer „Spielball machtpolitischer Interessen“ gewesen. Politisch stets an den Rand gedrängt, hätten sie sich vor allem in der Wirtschaft engagiert, sind etwa in der Tourismusbranche sehr aktiv besitzen viele der Juwelierläden, aber auch hoch moderne Industrieunternehmen. Der gestürzte frühere Staatschef Mubarak habe sich ihrer Loyalität versichert, indem er sich als Garant für ihre Sicherheit geriert habe. Mubaraks Nachfolger Mohammed Mursi habe ihre Interessen in der Verfassung nicht berücksichtigt und habe Übergriffe auf Christen in Oberägypten, wo die Kopten in manchen Orten 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung stellen, nur halbherzig verurteilt. Die koptischen Christen hätten auch deshalb in der Tamarod-Bewegung die Absetzung Mursis aktiv unterstützt. Wenn nun der ägyptische Milliardär und Kopte Naguib Sawiris ankündige, so viel wie nie zu investieren, wenn Mursi nicht mehr an die Macht komme, bringe das einige Muslimbrüder gegen die Christen auf. Gefahr für die Kopten gehe vor allem von radikalisierten islamischen Randgruppen wie den Dschihadisten aus. Besonders gefährdet seien sie in den ländlichen Regionen, wo Polizei und Staatsmacht ohnehin völlig überfordert seien „und ihren Kopf nicht für Christen hinhalten wollen“.

Die Gefahr für Christen in Ägypten geht von Dschihadisten aus

Die rund zehn Millionen koptischen Christen in Ägypten sind nach Auffassung El Difraouis, der derzeit ein Buch über das Land schreibt, oftmals sehr doktrinär und nicht überaus liberal: Es passierten auch in ihren Reihen sogenannte Ehrenmorde, Frauen und Männer säßen in den Kirchen getrennt, ein kleiner Teil sei auch extrem. Zwischen Muslimen und Christen gebe es seit Jahrhunderten Spannungen, Mischehen sind bis heute undenkbar. Ein Christ habe ihm über die derzeitige Lage gesagt: „Es wird erst schlimmer werden, ehe es besser wird.“ Trotzdem sei er sehr froh, dass Mursi gestürzt worden sei. (mit dpa)

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