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Anschläge in Paris : Eine Nation unter Schock

Zehn Monate nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" wird Paris erneut von einer Terrorserie heimgesucht. Präsident Hollande spricht von der "reinsten Barbarei".

Albrecht Meier
Polizisten in Schutzanzügen sichern am Samstag vor dem Cafe Comptoir Voltaire in Paris Spuren. dpa
Polizisten in Schutzanzügen sichern am Samstag vor dem Cafe Comptoir Voltaire in Paris Spuren.Foto: dpa

128 Tote und rund 180 Verletzte, von denen sich 80 in einem kritischen Zustand befinden – das ist nach Polizeiangaben am Samstagmorgen die vorläufige Bilanz der Anschlagsserie von Paris.
Als Frankreich an diesem Samstagmorgen aufwacht, versucht die Nation zu verstehen, was da am Abend zuvor überhaupt passiert ist. Wie groß der Schock ist, den die Anschlagsserie in Frankreich ausgelöst hat, zeigt sich an einer Meldung vom Samstagmorgen: In der Region Ile-de-France wurden für das Wochenende sämtliche Sportveranstaltungen abgesagt.

Es geht vielen Menschen in Paris so wie Béatrice Milcent. „Wir befinden uns in Alarmstimmung“, berichtet die 50-Jährige an diesem Samstagmorgen. Mit ihrer Familie lebt sie 20 Busminuten südlich vom Stade de France. Die Explosionen am Stadion hat sie am Freitagabend nicht gehört, aber trotzdem hat sie schnell Panik bekommen. Als sich die Nachricht vom Terrorangriff verbreitete und ihre 21-jährige Tochter Ségolène nicht wie geplant am Freitagabend mit dem Zug von einem Praktikum aus Lille zurückkam, habe sie sich Gedanken gemacht, sagt sie. Die Sorge um die Tochter war unbegründet, aber geblieben ist die Angst. Béatrice Milcent und ihr Mann kümmern sich als Laien um die katholische Gemeinde „Denys de la Chapelle“ im Norden von Paris in der Nähe der Porte de la Chapelle. Das 10. Arrondissement, wo die Terroristen am Freitagabend ebenfalls zuschlugen, kennt sie gut. Der Zahnarzt ihres 17-jährigen Sohnes Tom hat dort seine Praxis, und vor ein paar Tagen war sie bei einer Versammlung der Diözese in der Nähe. Die zierliche Frau sagt, sie finde das Viertel „cool“. „Da gehen alle hin.“ Am Samstagabend will ihre Tochter Ségolène eigentlich im 10. Arrondissement babysitten. „Das ist eigentlich keine große Sache, aber auf einmal bekommt das eine ganz andere Bedeutung“, erzählt sie.

Hollande besucht die Konzerthalle Bataclan

Noch in der Nacht hatte sich Staatschef François Hollande zur Konzerthalle Bataclan begeben, wo nach den Angaben eines Sprecher der Stadtverwaltung bei dem Terrorangriff insgesamt 100 Menschen gestorben waren. „Was hier angerichtet wurde, ist die reinste Barbarei“, sagte Hollande. Paris hat die wohl blutigste Nacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt.

Hollande macht IS für Anschlagsserie verantwortlich

Am Samstagvormittag erklärte Hollande dann nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts, an der neben den Ministern und Ministerinnen auch die ranghöchsten Vertreter der Sicherheitsbehörden teilnahmen, dass es sich bei der Anschlagsserie um einen "Kriegsakt" einer "terroristischen Armee, dem IS", handele. Die Anschläge seien "von außen" geplant und organisiert und mit Komplizen "im Inneren" verübt worden.

Anti-Terror-Experten hatten damit gerechnet, dass islamistische Attentäter erneut in Frankreich zuschlagen könnten. Die Sicherheitsvorkehrungen in Paris konzentrierten sich vor allem auf Touristenziele wie den Eiffelturm oder den Louvre. Statt dessen schlugen die Terroristen zehn Monate nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an einem belebten Freitagabend nicht nur vor dem Stade de France zu, sondern auch vor Bars und Restaurants. „Was sich gerade in Paris ereignet hat, ist das schlimmste Szenario, das in Sicherheitskreisen befürchtet worden war“, sagte Bernard Squarcini, der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes DCRI, der Zeitung „Le Figaro“.

Merkel kündigt Treffen mit zuständigen Bundesministern an

Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand - im rechtlichen und im übertragenen Sinne. Aber auch in Deutschland, wo die Zuschauer am Abend zuvor die Übertragung des Freundschaftsspiels im Stade de France verfolgt hatten, wird die Politik aus ihrem Normalzustand gerissen - sofern sich angesichts der Flüchtlingskrise überhaupt von einem Normalzustand sprechen lässt. Nach den Angaben eines Sprechers des Krisenstabes, den das Auswärtige Amt am Freitagabend eingerichtet hatte, gibt es „noch keine Gewissheit , ob sich unter den vielen Opfern auch deutsche Staatsangehörige befinden“. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte: "Dieser Angriff auf die Freiheit trifft nicht nur Paris." Auf deutscher Seite werde man "alles tun, um bei der Jagd auf die Täter und auf die Hintermänner zu helfen", sagte Merkel. Sie kündigte an, dass sie im Laufe des Samstags mit den zuständigen Bundesministern zusammenkommen wolle, um über die Lage zu beraten. Auch der britische Premierminister David Cameron kündigte eine Krisensitzung an.

Freundschaftsspiel gegen England soll wie geplant stattfinden

Aber es gab am Samstag auch ein Zeichen, dass Frankreich in der kommenden Woche wieder zur Normalität zurückkehren will. Nach Angaben des nationalen französischen Fußballverbandes Fédération Française de Football (FFF) soll das für Dienstag in London vorgesehene Freundschaftsspiel zwischen England und Frankreich weiter wie geplant stattfinden. Und am späten Samstagnachmittag kündigte Innenminister Bernard Cazeneuve an, dass die Schulen, die an diesem Tag im Großraum Paris geschlossen blieben, am Montag wieder öffnen sollen.

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