Anschlag in London : Mitten ins Herz

Der Anschlag vor dem Parlament in Westminster erschüttert London: Der Attentäter schlug mitten im Zentrum der Stadt zu. Eine Zusammenfassung der Ereignisse.

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Der Täter fuhr sein Fahrzeug auf der Westminster Brücke sein Auto gezielt in Menschen.
Der Täter fuhr sein Fahrzeug auf der Westminster Brücke sein Auto gezielt in Menschen.Foto: REUTERS

Der Angriff beginnt gegen 14.40 Uhr: Ein SUV fährt am östlichen Ende der Westminster Bridge plötzlich auf den Bürgersteig. Die Brücke ist um diese Tageszeit wie immer voller Touristen. Sie liegt im Herzen Londons, sie führt zum Westminster Palace, dem Sitz des britischen Parlaments.

Der Fahrer steuert seinen Wagen offenbar bewusst in die Menschen. Eine Frau stürzt in die Themse und wird später verletzt geborgen, womöglich ist sie gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen. Verletzte liegen anschließend auf dem Boden, viele von ihnen bluten schwer. Auf Aufnahmen, die kurz nach dem Angriff gemacht wurden, ist zu sehen, wie zahlreiche Menschen in Panik fliehen.

Am anderen Ende der Brücke steuert der Angreifer sein Auto in den hohen Metallzaun des Parlamentskomplexes. Er steigt aus, läuft um die Ecke und betritt den umzäunten Old Palace Yard, den Seitenhof des Gebäudes, auf den Politiker und hohe Gäste vorgefahren werden, wenn sie das Parlament besuchen. Der Angreifer sticht auf einen Polizisten ein, der ihn aufhalten will. Andere Beamte schießen ihn sofort nieder: Drei Schüsse hallen über den Parliament Square, den Platz vor dem Parlament. Auch hier halten sich etliche Touristen auf.

Etwa eine Stunde nach Beginn des Angriffs erklärt die Polizei zum ersten Mal, dass sie von einem „terroristischen Vorfall“ ausgeht. Die Motive des Angreifers waren bis zum Abend jedoch nicht bekannt.

"Ich dachte zuerst, das sei ein Unfall"

Matt Haikin, Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, sagte dem „Guardian“, er habe vor dem Parlament das Auto des Angreifers gesehen. Die Motorhaube sei eingedrückt gewesen. „Ich dachte zuerst, dass das ein Unfall war und bin auf dem Fahrrad weitergefahren, als ich Leute wegrennen sah.“ Sekunden später habe er Schüsse gehört.

Der konservative Abgeordnete Tobias Ellwood, der früher einmal Soldat war, versucht, den schwer verletzten Polizisten zu retten und die Blutung mit bloßen Händen zu stoppen. Er beatmet ihn von Mund zu Mund. Ein Rettungshubschrauber landet auf dem Platz vor dem Parlament, Rettungskräfte eilen zum Gebäude. Sanitäter versuchen, auch den Angreifer wiederzubeleben. Später erklärt die Polizei, dass der Wachpolizist den Angriff nicht überlebt hat.

Die Parlamentsdebatte, die gerade im Unterhaus abgehalten wird, wird sofort gestoppt. Gemäß schon seit langem erarbeiteten Notfallplänen werden die Abgeordneten im Plenarsaal eingeschlossen, schwer bewaffnete Polizisten sichern sämtliche Zugänge. Bis zum Abend dürfen die Parlamentarier das Gebäude nicht verlassen.

Foto: AFP

Im Portcullis House, das gegenüber dem Westminster Palace liegt und ebenfalls zum Parlament gehört, werden die Abgeordneten aufgefordert, ihre Büros nicht zu verlassen. Journalisten und Besucher werden in ein benachbartes Gebäude gebracht und dazu aufgefordert, in den Gängen zu bleiben. Schon kurz nach dem Beginn der Vorfalls schließen Mitarbeiter sämtliche Zugänge zur Westminster-U-Bahn-Station, um zu verhindern, dass eventuell Attentäter in die U-Bahn gelangen.

Sämtliche Zufahrtsstraßen zum Parlament werden abgeriegelt. Schon kurz nach dem Vorfall kreisen Hubschrauber über der Innenstadt. In der gesamten Innenstadt sind Sirenen zu hören. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte sichern das Parlament und die direkte Umgebung ab. Ein Sprecher des St. Thomas’ Hospitals, das am anderen Ufer der Themse gegenüber dem Parlament liegt, erklärt, einige der angefahrenen Passanten hätten „katastrophale Verletzungen“ erlitten.

Die Nachrichtenlage ist zunächst chaotisch

Die Nachrichtenlage ist zunächst chaotisch. Gab es nur einen oder mehrere Angreifer? Wurde der Polizist im Hof des Parlaments erstochen, bevor das Auto auf der Brücke in die Menschenmenge gefahren ist? Erst am frühen Abend gibt es Klarheit.

Mark Rowley, Antiterror-Chef der Metropolitan Police von London, tritt am frühen Abend vor die Kameras. Er erklärt, dass vier Menschen bei der Attacke ums Leben gekommen sind: der Angreifer, der niedergestochene Polizist und zwei Passanten. Mindestens 20 Menschen wurden verletzt, unter ihnen auch drei Schüler aus Frankreich.

Rowley erklärt, dass die Polizei von nur einem Angreifer ausgehe, die Polizei aus Sicherheitsgründen aber nach dem Vorfall die Umgebung nach möglichen weiteren Angreifern abgesucht habe. Unter den Verletzten auf der Westminster Bridge seien auch drei Polizeibeamte. Die Menschen in London sollten in den kommenden Tagen mit einer verstärkten Polizeipräsenz rechnen. Falls es notwendig werden sollte, werde auch die Armee zum Einsatz kommen. Dann fügte er hinzu: „Das ist ein Tag, für den wir geplant haben und von dem wir gehofft haben, dass er nie eintreten würde. Leider ist das nun Wirklichkeit geworden.“

Das schottische Parlament, das an diesem Tag über die Forderung nach einem zweiten schottischen Unabhängigkeitsreferendum abstimmen wollte, unterbrach seinen Parlamentsbetrieb. Innenministerin Amber Rudd bedankte sich bei den Mitarbeitern der Rettungsdienste für ihr schnelles Eingreifen. Sie rief die Öffentlichkeit dazu auf, ruhig zu bleiben und sich bei der Polizei zu melden, wenn sie etwas Ungewöhnliches beobachten. Premierministerin Theresa May rief noch am Abend eine Kabinettssitzung ein.

Die britischen Behörden bereiten sich seit Jahren auf so einen Vorfall vor. Im gesamten Land galt die zweithöchste Terrorwarnstufe. Sprich: Die Behörden schätzten das Risiko eines Terrorangriffs als „in hohem Maße wahrscheinlich“ ein. Sie haben leider Recht behalten.

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