Anschlag von Nizza und die Folgen : Wir müssen der Macht der Furcht widerstehen

Auch bei uns nimmt nach dem Anschlag von Nizza das Gefühl der Bedrohtheit zu. Doch es gibt keinen Grund für Hysterie. Notwendig sind Einsicht in das Unabwendbare und mehr Gelassenheit. Ein Essay.

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Gedenken in Nizza an die Opfer des Anschlags.
Gedenken in Nizza an die Opfer des Anschlags.Foto: dpa

Ein Strand. Liegestühle, Sonnenschirme, das glitzernde Meer. Der Urlauber entspannt sich, er liest, er döst, er plaudert, er holt sich einen Drink. Er genießt die Wärme, er fühlt sich wohl. Er ist bei sich. Was unangenehm sein könnte, ist weit weg. Der Urlauber hat jetzt keine Sorgen, keine Unruhe, keinen Stress. Am Abend, das hat er sich vorgenommen, geht er zur Party im Beach Club. Die Vorfreude beginnt schon am Mittag. Die Knallerei, die gerade etwas näher kommt, wird wohl ein Feuerwerk sein.

Am Vormittag des 26. Juni 2015 schießt der 24-jährige Seifeddine Rezgui an einem Strand zehn Kilometer nördlich der tunesischen Stadt Sousse um sich und wirft Handgranaten. Der Salafist tötet 38 Urlauber, darunter zwei Deutsche. Tunesien, schon mehrfach von Anschlägen getroffen, ist spätestens seit dem Massaker am Badestrand für viele Europäer tabu. Man könnte auch sagen: „Tunesien“ ist ein Synonym für Angst (zumal nun auch noch der Attentäter in Nizza tunesischer Herkunft war). Seifeddine Rezgui erreichte offenbar sein Ziel. Die „ungläubigen“ Touristen bleiben seitdem weg, Tunesiens Wirtschaft leidet, die Arbeitslosigkeit steigt und mit ihr die Zahl der frustrierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Salafisten können sich freuen. Sie finden noch mehr junge Rekruten. Wie die Geschichte weitergeht, erfordert nicht viel Fantasie.

Angst vor Terrorismus ist ein modernes Lebensgefühl. Wir leben in einer Epoche gesteigerter Furcht, eingebettet in das Gefühl einer nie dagewesenen, globalen Unübersichtlichkeit, obwohl die schlimmsten Angstperioden der deutschen Geschichte, die zwölf Jahre der völkermordenden NS-Diktatur und die 40 Jahre mauermiefiges SED-Stasi-Regime, schon lange vorbei sind. 73 Prozent der Deutschen haben aktuell Angst vor Terrorismus. Das ergab kürzlich eine Umfrage der Versicherung R+V. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Terrorangst der Deutschen sogar um 21 Prozent zugenommen. Die Anschläge in Tunesien, der Türkei, in Frankreich, Belgien, Dänemark wirken sich aus. Ebenso wie die grauenhaften Bilder aus Syrien, Irak, Jemen und weiteren Ländern, die dem islamistischen Furor noch einmal in einer anderen Dimension ausgesetzt sind als Frankreich und Tunesien. Und jetzt, nach dem verheerenden Anschlag in Nizza, dürfte sogar die 100-Prozent-Angstmarke in Reichweite sein. Angst essen Seele auf. Bisweilen allerdings auch den Verstand.

Angst ist wählerisch, auch verlogen, mit einem Schuss Rassismus

Das zeigt sich bei der Auswahl von Urlaubszielen. Es ist nachvollziehbar, dass viele Deutsche Tunesien und die Türkei mal lieber ein Jahr meiden. Im Fall der Türkei kommt nun zu den Anschlägen auch noch der Putschversuch von diesem Wochenende hinzu. Aber zurück zu Frankreich. Wie viele Erholungsbedürftige aus der Bundesrepublik werden ihren Urlaub in der Provence, an der Côte d’Azur, in Nizza stornieren oder abbrechen? Und wer verzichtet jetzt auf den Wochenendausflug nach Paris? Schulklassen werden vielleicht vorsichtiger sein, womöglich ist dann eher Amsterdam das Ziel. Aber ein massiver, gar weitflächig existenzgefährdender Einbruch der französischen Tourismusindustrie ist schwer vorstellbar. Obwohl Frankreich genauso wie Tunesien ein herausragendes Angriffsziel der Terrormiliz IS zu sein scheint.

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Nizzas schwierige Rückkehr zum Alltag
Nizzas schwierige Rückkehr zum Alltag

Angst ist wählerisch. Auch verlogen. Mit einem Schuss Rassismus. Ein islamisches, arabisches Land wie Tunesien erscheint offenbar per se gefährlicher als das abendländische, christlich geprägte Frankreich.

Die in der Angst lauernden Ressentiments sind natürlich kein rein deutsches Phänomen. Vermutlich werden auch viele Franzosen inzwischen überlegen, lieber in den Süden ihres Landes zu fahren, auch nach Nizza, als nach Tunesien oder in die Türkei. Es steht auch keinem Journalisten oder Politiker zu, Franzosen oder Deutsche moralisch zu drängen, Urlaubsziele wie Frankreich, Tunesien, Türkei bitte gleichwertig zu prüfen. Es gibt glücklicherweise in Demokratien keine Vorschrift für Angst. Autoritäre Regime befehlen Angst vor Feindbildern, um von der eigenen, angstmachenden Politik abzulenken. Leider können viele Russen, Chinesen, Nordkoreaner dieser ideologisch aufgeheizten Angstmacherei nicht entkommen. Das könnte ein Grund sein, sich im Westen Sorgen zu machen. Diese müssen aber nicht gleich in Angst oder gar Angststörung ausarten. Angst ist oft richtig und falsch zugleich. Angst ist notwendig, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Angst wird gefährlich, wenn sie länger oder sogar dauerhaft von einer rationalen, abwägenden Betrachtung entkoppelt ist. Dann mutiert Angst zu Panik, zu Hass, zu Aggressivität. Die unfassbar vielen Brandanschläge in Deutschland auf Unterkünfte von Flüchtlingen bebildern das Phänomen entgrenzter Angst auf das Schaurigste. Da ist „German Angst“ gleich German Anschlag.

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