Antisemitismus in der Türkei : Hass gegen Juden: „Allah soll Hitler segnen"

Juden in der Türkei sind Anfeindungen ausgesetzt. Der Antisemitismus findet nicht mehr auf der Straße, sondern in Medien und Social Media statt.

Cigdem Toprak
Die Neve-Shalom Synagoge in der Türkei erlitt seit ihrer Gründung 1951 bereits drei Anschläge, bei denen Dutzende von Menschen um ihr Leben gekommen sind.
Die Neve-Shalom Synagoge in der Türkei erlitt seit ihrer Gründung 1951 bereits drei Anschläge, bei denen Dutzende von Menschen um...Foto: Cigdem Toprak

Vor 500 Jahren fanden die Vorfahren der heutigen türkischen Juden im Osmanischen Reich Schutz vor dem europäischen Antisemitismus und haben zum multikulturellen Leben des Landes positiv beigetragen. Heute sind sie als türkische Staatsbürger antisemitischen Hassparolen in den türkischen Medien schutzlos ausgeliefert.

Die türkische Regierung schaut tatenlos zu, wie ihre eigenen jüdischen Staatsbürger von Popstars, regierungsnahen Journalisten und Twitter-Usern für den Israelisch-Palästinensischen Konflikt, für kritischen Journalismus und sogar den PKK-Terror angefeindet werden. In Zeiten der Pressezensur, der schwächelnden Unabhängigkeit der Justiz und einem bewaffneten Konflikt in der Türkei existiert momentan keine Kraft, dem Antisemitismus effektiv entgegenzusteuern.

Die Türkei steckt in einer tiefen politischen Krise. Parlamentswahlen, gescheiterte Koalitionsgespräche und Neuwahlen werden von terroristischen Anschlägen begleitet, die von der PKK gegen türkische Soldaten und von der islamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gegen Zivilisten verübt werden. Das jüngste Selbstmordattentat auf eine Friedenskundgebung in der Hauptstadt Ankara brachte über 100 Opfer und hunderte Verletzte.

Während eine Entschärfung der politischen Krisensituation momentan nicht in Aussicht ist, spaltet sich die Gesellschaft immer stärker und die aktuelle Krise schürt Hass zwischen den verschiedenen ethnischen und politischen Gruppen in der Türkei. Mit jedem weiteren politischen Konflikt in der Türkei gerät besonders eine religiöse Gruppe immer wieder ins Visier von Hassparolen und Hetzen.

„Jüdische Vaterlandsverräter“

Obwohl die jüdische Community in der Türkei gerade noch 17.000 Mitglieder ausmacht, sind türkische Juden einem enormen Hass und Bedrohung in der Türkei durch Zeitungen und Sozialen Medien ausgesetzt. Fast systematisch, im Minuten-Takt werden in Sozialen Medien antisemitische Äußerungen und Parolen veröffentlicht.

Man beschimpft kritische Zeitungen als „jüdische Vaterlandsverräter“ und „heimliche Verbündete des Staates Israel“, die den Terror in der Türkei unterstützen würden, wie vor allem die Tageszeitung "Hürriyet" der Dogan-Mediengruppe, welche im Clinch mit der türkischen AKP-Regierung steht. Ein User schimpft beispielsweise auf dem Nachrichtendienst Twitter: “Solange aus diesem Land nicht die jüdisch-stämmigen Dogan Medien verschwinden, wird dieser Terror nicht aufhören.“

Wenn die pro-kurdische Partei HDP beschuldigt, für die Terrorangriffe der PKK auf türkische Soldaten verantwortlich zu sein, dann schrecken User nicht davor zurück, die HDP auch als „Judenknecht“ zu bezeichnen und auch ihnen eine heimliche Allianz mit Israel unterzustellen.

Aber auch die türkischen Juden selbst werden neben anderen Minderheiten zur Zielscheibe von Feinseligkeiten, so heißt es in einem anderen Tweet: „Dieses Land gehört nur dem türkischen Volk, das ist seit 7000 Jahren so, Tscherkessen, Lasen, Juden und Kurden sind nur Flüchtlinge in diesem Land!“

Erdogan als "Judenknecht"

Dabei sind es nicht nur Islamisten, auch ultranationalistische Regierungsgegner schimpfen auf den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der jüdische Wurzeln habe oder ein „Judenknecht“ sei.

„In der Türkei existiert heute Antisemitismus. Wer dies verleugnet, der lügt“, sagt der Chefredakteur der türkisch-jüdischen Zeitung Salom und Berater des Chef-Rabbiners der Türkei, Ivo Molinas im Gespräch in einem schicken Café in Nisantasi, einem der säkular-modernen und edlen Vierteln Istanbuls. „Alles was ihnen zuwider ist, Musik, Kunst oder eine Lebensart wird „zur jüdischen Musik, jüdischen Kunst“ gemacht. Es findet eine Dämonisierung statt“, erzählt Molinas weiter.

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