Antje Vollmer : "Manche kämpfen alte Schlachten"

Antje Vollmer über die Debatte um sexuellen Missbrauch, alte Grabenkämpfe und neue Opfer der Medien

Tissy Bruns und Hans Monath
Foto: IMAGO
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Frau Vollmer, wie erklären Sie sich, dass nach Jahrzehnten des Schweigens so viele Opfer über Missbrauch sprechen?

Das ist eine Reaktion auf das gigantische mediale Interesse an diesem Thema. Die Opfer sind Kinder, das Thema sexuelle Verirrungen interessiert immer, das Opferbewusstsein unserer Gesellschaft ist gewachsen. Und schließlich spielt auch noch eine Rolle, dass die Öffentlichkeit einen Einblick in bislang verborgene Geheimnisse der Eliteausbildung bekommt, also auch voyeuristische Interessen.

Warum hielt das Schweigen so lange?

Die Gesellschaft vergisst frühere Debatten nur zu schnell. Ich beschäftige mich seit längerem mit dem Gewaltregime in staatlichen und kirchlichen Heimen in der Nachkriegszeit und den Missbrauchserfahrungen von Heimkindern. Auch da gab es vor wenigen Jahren ein öffentliches Erstaunen über das Ausmaß der Gewalt, obwohl wir in den 70er Jahren schon einmal eine Debatte über die Heime hatten und damals viele Einrichtungen geschlossen wurden. Jedes Mal wird die alte Debatte unter anderen Akzenten geführt. Wenn sich der Staub gelegt hat, muss man bilanzieren, wohin sie uns gebracht hat.

Was erwarten Sie?

Ich erwarte, dass sich einige wesentliche Dinge zum Positiven entwickeln. Das Thema Pädophilie ist aus der Heimlichkeit herausgeholt worden. Kinder werden sich in Zukunft besser schützen können. Sie sind gewarnt und können schwierige Situationen besser deuten. Es wird künftig genauer aufgepasst werden, wer im Erziehungsbereich tätig werden darf. Auch in der pädagogischen Ausbildung wird eine klare Grenzziehung gegen Missbrauch künftig eine größere Rolle spielen. Schließlich wird die katholische Kirche ihr Verhältnis zur Sexualität überprüfen müssen im Hinblick darauf, ob es in einer modernen, säkularisierten Gesellschaft tragfähig ist. Die katholische Kirche wird sich der Welt stellen müssen, so wie sie ist.

Also nur positive Wirkungen der Debatte?

Überhaupt nicht. Wie immer bei solchen Debatten von vulkanischer Kraft nutzen manche Teilnehmer die Gelegenheit und kämpfen noch einmal alte Schlachten. Das Ergebnis einer solchen Debatte ist nicht nur Aufklärung. Es entstehen auch Pharisäertum, Schuldverschiebung, Missbrauch von Missbrauchsdebatten und neue Inhumanitäten.

Was meinen Sie konkret?

Hartmut von Hentig ist zu einem Sündenbock auserkoren worden, obwohl gegen ihn nichts vorliegt. Ein Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ hat ihn in eine Verhörsituation gebracht, aber ihm dabei nicht einmal die Grundrechte eines Angeklagten gewährt, zu denen bekanntlich die Assistenz eines Anwalts oder die Aussageverweigerung gehört, wenn es um Angehörige geht. Der Journalist bekam überhaupt nur deshalb Zugang zu dem 85-Jährigen, weil er als Verfechter der Reformpädagogik angekündigt war. Nun nutzte er die Nähe zu dem Doyen der Reformpädagogik aus, trinkt mit ihm einen Wein, lässt sich eine Hühnersuppe kochen und wird Zeuge seiner persönlichen Erschütterung. Hartmut von Hentig konnte doch gar nicht anders, als sein eigenes Lebenswerk und auch seine Loyalität zu seinem Freund zu verteidigen. Das Vertrauen Hentigs wurde ausgenutzt, um ihn zum Tontaubenschießen freizugeben. Das habe ich mit Entsetzen gelesen, das war journalistischer Missbrauch.

Hartmut von Hentig hat den Journalisten empfangen – das musste er nicht. Er hat seinen Lebensgefährten mit dem Argument verteidigt, wenn überhaupt etwas passiert sei, dann müsse dieser von Schülern verführt worden sein. Ist das wirklich ein akzeptables Argument – zumal für einen Pädagogen?

Dieses Gespräch war ohne jeden Zeugen. Der böse Satz, der dann wie ein Fallbeil durch den deutschen Blätterwald rauschte, ist nie autorisiert worden. Der Journalist wusste, dass Hentig danach keine Chance mehr hatte. Das ist inhuman.

Frau Vollmer, Sie sagen, alte Kämpfe werden neu aufgelegt. Gegen wen geht es?

Es geht fröhlich gegen die katholische Kirche, die man wegen ihrer ungeliebten Sexualmoral nun endlich mal vorführen kann. Die Wurzeln dafür liegen in den Debatten der 70er Jahre. Die katholische Kirche galt damals als Gegner der großen emanzipatorischen Bewegung, denken Sie an die Entkriminalisierung der Sexualität, die Akzeptanz von Schwulen und Lesben. Das konservative Lager und seine Presse befeuern umgekehrt die beliebte Anti-68er-Debatte neu. Behauptet wird: Nun zeigt sich wieder einmal, dass der Bruch mit den alten Regeln, die Libertinage, die Gesellschaft zerstört, weil es dann angeblich gar keine Grenzen mehr gibt.

Stimmt es nicht, dass die 68er im Kampf gegen eine rigide Sexualmoral notwendige Grenzen überschritten haben? Manche Grüne wollten noch in den 80ern Sexualität mit Kindern entkriminalisieren.

Die 68er selbst haben die Notwendigkeiten dieser Grenzen doch selbst längst zum Thema gemacht. Auf dem Wahlprogramm-Parteitag der nordrhein-westfälischen Grünen für die Landtagswahl stimmte 1985 – in einem turbulenten Augenblick – eine knappe Mehrheit dafür, gewaltfreie Sexualität mit Kindern nicht mehr unter Strafe zu stellen. Gemeinsam mit anderen Grünen-Politikerinnen habe ich dafür gekämpft, das sofort rückgängig zu machen – damals galten wir damit als „spießige Mütter“. Aber innerhalb weniger Wochen gab es einen Sonderparteitag – und das Ding war vom Tisch. Ich frage mich: Die 70er Jahre waren eine der liberalsten Zeiten in einer funktionierenden Demokratie. Wieso war ein solch offener Umgang mit diesem Thema nicht möglich in einer Eliteschule, in die hochgebildete und gut vernetzte Eltern ihre Kinder schickten? Ich führe die heftige Reaktion heute auch darauf zurück, dass manche nun ein schlechtes Gewissen haben, weil sie damals nicht handelten. Das sind immer späte und billige Siege. Zur rechten Zeit hätte es mehr geholfen.

Warum schaden gegenseitige Schuldzuweisungen?

Alte Grabenkämpfe führen zur Bigotterie, nicht zur Selbsterkenntnis. In Wahrheit haben wir den Grund des Übels noch nicht angeschaut: Es gibt überhaupt keinen gesellschaftlichen Raum, der vor Missbrauch sicher ist. Ich fürchte vielmehr, dass es solche Übergriffe in jeder Schule, in jedem Gymnasium gegeben hat. Jeder Experte weiß darüber hinaus, dass Missbrauch am häufigsten innerhalb enger familiärer Beziehungen vorkommt. Das heißt, das Weggucken ist allgemein. Mich stört an dieser Debatte etwas: Die meisten Menschen haben doch in ihrem eigenen Leben die Früchte der Säkularisierung und der Libertinage gerne genossen. In dem Moment, wo Fehlentwicklungen beklagt werden, sucht und findet man einen Schuldigen, der nicht man selbst ist. Wenn eine Gesellschaft Liberalisierung will, kann sie nicht gleichzeitig nach alten Autoritäten zur Schuldentlastung rufen. Dann muss sich jeder Einzelne verantwortlich fühlen, neu die Grenzen zu definieren, die weiterhin gelten sollen.

Wie unterscheiden sich die nun diskutierten Fälle vom Schicksal der Heimkinder, das Sie aufarbeiten?

Die Opfer in den Kinderheimen hatten – anders als etwa die in der Odenwaldschule oder dem Canisius-Kolleg – wirklich keinen Fürsprecher. Es gab einen stillen Konsens einer gesamten Erwachsenengeneration, die sich selbst in der Nachkriegszeit traumatisiert fühlte, zu diesem Gewaltregime. Der autoritäre Zeitgeist war der Meinung, diese Kinder aus der Unterschicht müssten nicht als Individuen, sondern als „problematisches Kollektiv“ durch strengste Zucht auf Linie gebracht werden. Übrigens bedrückt es mich, dass das große öffentliche Interesse erst in dem Moment einsetzt, wo es um das Schicksal von Elitekindern geht. Für das Schicksal der Unterschichtenkinder aus den Heimen haben sich nur wenige interessiert.

Die Regierung hat einen Runden Tisch gegen Missbrauch eingerichtet. Sollten daran auch die Betroffenen teilnehmen?

Ich bin zur ersten Sitzung Ende April eingeladen. Grundsätzlich finde ich es problematisch, dass der neue Runde Tisch in weniger als einem Jahr schon Lösungsvorschläge, und das ohne Betroffene, machen will. Da kann die neue Institution von unseren Vorarbeiten am Runden Tisch Heimerziehung profitieren. Nach meiner Erfahrung muss man sich Zeit lassen, wenn man im Konsens mit den Betroffenen einen Weg sucht. Im Gespräch ist bei uns ein „Fonds für Traumatisierte“. Die Politik muss denjenigen helfen, die durch entsetzliche Erfahrungen in ihrer Kindheit für ihr ganzes Leben traumatisiert wurden. Wir müssen ihnen helfen, soweit das überhaupt möglich ist, ihre Traumata zu bearbeiten oder zu heilen. Ein solcher Fonds wäre auch ein Instrument zur Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs.

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POLITIKERIN DER GRÜNEN

Antje Vollmer hat viel dazu beigetragen, die Grünen politikfähig zu machen. Als erste Vertreterin der Ex- Protestpartei wurde sie 1994 Vizepräsidentin des Bundestages. Den Posten behielt sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Parlament vor fünf Jahren.

DENKERIN GEGEN DEN STROM

Die evangelische Theologin sucht gern Mittel, eingefahrene Konflikte aufzubrechen. Vor Zumutungen ans eigene Lager schreckt sie nicht zurück. So trat sie vor Vertriebenen auf, um sie für eine Versöhnung mit Tschechien zu gewinnen.

HÜTERIN DER HEIMKINDER

Als Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung bemüht sich die 66-jährige Publizistin darum, den Opfern solcher Einrichtungen in den 50er und 60er Jahren späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Heimkinder- Tisch wurde im vergangenen Frühjahr von der Bundesregierung eingesetzt.

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