Antrittsrede von Gauck im Wortlaut : "Nicht den Ängsten folgen, sondern dem Mut"

Joachim Gauck dankt den 68er für ihren Einsatz, er geht vehement gegen den Rechtsextremismus vor und er appelliert an das Selbstvertrauen der Deutschen. Die Antrittsrede von Joachim Gauck hier im Wortlaut.

Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede im Deutschen Bundestag. Zuvor war er bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundesrat und Bundestag vereidigt worden - zum 11. Bundespräsidenten.
Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede im Deutschen Bundestag. Zuvor war er bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundesrat und...Foto: AFP

"Herr Bundestagspräsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Wie soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel "Unser Land" sagen sollen?

Vereinzeln wir immer weiter? Geht die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander? Verschlingt uns die Globalisierung? Werden Menschen, die sich als Verlierer fühlen, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt? Schaffen ethnische oder religiöse Minderheiten in gewollter oder beklagter Isolation Gegenkulturen? Hat die europäische Idee Bestand? Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg? Kann ein verbrecherischer Fanatismus in Deutschland wie in anderen Teilen der Welt weiter friedliche Menschen bedrohen, einschüchtern, ermorden?

Jeder Tag, jede Begegnung mit den Medien bringt neue Ängste und Sorgen hervor. Manche ersinnen Fluchtwege, misstrauen der Zukunft, fürchten die Gegenwart. Viele fragen sich: Was ist das für ein Leben, was ist das für eine Freiheit? Mein Lebensthema "Freiheit" ist für sie keine Verheißung, kein Versprechen, sondern nur Verunsicherung.

Ich verstehe diese Reaktion zwar, doch will ich ihr keinen Vorschub leisten. Ängste vermindern unseren Mut wie unser Selbstvertrauen manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können – bis wir gar Feigheit für Tugend halten und Flucht für eine legitime Haltung im politischen Raum.

Stattdessen will ich meine Erinnerung als Kraft nutzen, mich und uns zu lehren und zu motivieren.

Ich wünsche mir eine lebendige Erinnerung auch an das, was in unserem Land nach den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur und den Gräueln des Krieges gelungen ist. In Deutschlands Westen trug es als erstes den Namen "Wirtschaftswunder". Deutschland kam wieder auf die Beine. Die Vertriebenen und Ausgebombten erhielten Wohnraum, nach Jahren der Entbehrung nahm der Durchschnittsbürger teil am wachsenden Wohlstand. Allerdings sind für mich nicht Autos das besonders Wunderbare jenes Jahrzehnts. Ich empfinde mein Land vor allem als das Land eines Demokratiewunders. Anders als die Alliierten fürchteten, wurde der Revanchismus im Nachkriegsdeutschland nie mehrheitsfähig, es gab ein Nachwirken nationalsozialistischer Gedanken, aber daraus wurde keine gestaltende Kraft. Es entstand eine stabile demokratische Ordnung, Deutschland West wurde Teil der freien westlichen Welt.

Die Vereidigung von Gauck in Bildern:

Vereidigung von Joachim Gauck
Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
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23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte allerdings blieb defizitär. Die Verdrängung eigener Schuld, die fehlende Empathie mit den Opfern des Nazi-Regimes prägte den damaligen Zeitgeist. Erst die 68er-Generation hat das nachhaltig geändert.

Damals war meine Generation konfrontiert mit dem tiefschwarzen Loch der deutschen Geschichte, als die Generation unserer Eltern sich mit Hybris, Mord und Krieg gegen unsere Nachbarn im Inneren und im Äußeren vergingen.

Es bleibt das Verdienst dieser Generation: Es war ein mühsam errungener Segen. Trotz aller Irrwege, die sich mit dem Aufbegehren der 68er verbanden, hat sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt. Die auf Fakten basierende und an Werten orientierte Aufarbeitung der Vergangenheit wurde nicht nur richtungsweisend für uns nach 1989 in Ostdeutschland. Sie wird auch als beispielhaft von vielen Gesellschaften empfunden, die ein totalitäres Joch abgeschüttelt haben und nicht wissen, wie sie mit der Last der Vergangenheit umgehen sollen.

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