Atomstreit mit Iran : Wie Israel sich auf einen möglichen Krieg vorbereitet

Sie schreiben Freundschaftsbriefe an die Iraner, probieren Gasmasken, üben den Notfall. In Israel sind die Atompläne der Mullahs allgegenwärtig, aber manche Bürger fürchten vor allem die eigene Regierung.

Fredy Gareis
Für den Verteidigungsfall. Israelische Soldaten bringen das „Arrow“-Raketenabwehrsystem zu Demonstrationszwecken in Stellung. Foto: Sven Nackstrand, AFP Foto: AFP
Für den Verteidigungsfall. Israelische Soldaten bringen das „Arrow“-Raketenabwehrsystem zu Demonstrationszwecken in Stellung....Foto: AFP

Er gehörte zu denen, die es nicht glauben können. Die nicht wahrhaben wollen, dass man ihn und seine Familie töten will. Auslöschen mit einer Atombombe. Also nahm Ron Edry seine fünfjährige Tochter auf den Arm, trat mit ihr auf die Dachterrasse in die Sonne und ließ sich fotografieren, das Mädchen hielt ein Israel-Fläggchen in der Hand. Dann montierte der 41-jährige Grafikdesigner aus Tel Aviv einen Schriftzug ins Bild. Eine Botschaft an alle, die seine Facebook-Seite sehen würden. „Iraner“, steht da, „wir werden euer Land niemals bombardieren, wir lieben euch.“

Erst passierte nichts. Edry dachte, gut, einen Versuch war es wert. Dann schwappte eine Welle der Freundschaftsbekundungen auf seine Seite: Israelis schicken bis jetzt noch Bilder von sich mit der gleichen Botschaft, andere verbinden die israelische Flagge mit der iranischen und zeichnen ein Herz drum herum. Mehr als 55.000 Menschen gefällt die Kampagne, auch Iranern. Einer schreibt: „Die Menschen im Iran lieben Frieden, nicht den Krieg. Leider kann ich eure Seite nicht ,liken’, weil ich Angst vor der Regierung habe.“

Die Kampagne wächst immer weiter, und Edry träumt von Videoanzeigen in New York. Aber reicht das? Braucht es einfach nur genügend Liebe, um einen Krieg zu verhindern? Die Friedensaktivisten geben ein großes Versprechen, das die Regierung nicht einlösen muss. „Wir sollten die Wahl haben“, sagt Ron Edry trotzig, „ob wir im Krieg oder in Frieden leben wollen.“ Denn dass sie diese Wahl nicht haben, weil ihre Regierung sie nicht fragt, fürchten derzeit viele Israelis.

Parlamentswahl im Iran
Jungen Frauen warten in Teheran vor einem Wahllokal. Die Iraner wählen am Freitag (02.03.2012) ein neues Parlament. Doch der Urnengang ist umstritten. Foto: reutersAlle Bilder anzeigen
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02.03.2012 11:30Jungen Frauen warten in Teheran vor einem Wahllokal. Die Iraner wählen am Freitag (02.03.2012) ein neues Parlament. Doch der...

Gerade erst Anfang März beschrieb Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Amerika in drastischen Worten die Situation seines Landes. Vor dem Washingtoner „American Israeli Public Affairs Committee“ hielt er zwei Briefe aus dem Jahr 1944 in die Luft. In dem einen stand die Bitte der jüdischen Gemeinde, dem Horror in Europa ein Ende zu bereiten, in dem anderen die negative Antwort des Außenministeriums. „Vor 75 Jahren“, appellierte Netanjahu an die Versammlung, „haben viele Führer der Welt ihren Kopf in den Sand gesteckt.“ Was folgte, ist bekannt.

75 Jahre später fürchtet Israel die Atombombe in den Händen des Mullah-Staates. So sehr, dass es willens scheint, einen Angriff zu starten. Es gibt dafür auch ein besonders eindrückliches Vorbild: Am frühen Nachmittag des 7. Juni 1981 heben israelische Kampfflugzeuge vom Stützpunkt Etzion in der Negevwüste ab, was in Israel zunächst unbemerkt bleibt. Im jordanischen Luftraum geben die Piloten vor, eine saudische Patrouille zu sein. Über Saudi-Arabien fliegen sie in jordanischer Formation und benutzen deren Funksignale. Die Strecke zum Ziel ist so lang, dass zusätzliche Kerosintanks an den Jets angebracht werden mussten. Jeder der acht F-16-Jets ist ausgestattet mit zwei schweren Mark-84-Bomben. Sechs F-15-Jets bilden die Rückendeckung. Die israelische Regierung rechnet nicht damit, dass alle von dieser Mission zurückkehren. Die Piloten auch nicht. Als die Formation in den feindlichen Luftraum eintritt, begibt sie sich in den Tiefflug, 30 Meter über dem Wüstenboden. Etwa anderthalb Stunden nach dem Start haben die Piloten das Ziel vor Augen, sie werfen die Bomben über dem Reaktor ab und machen sich aus dem Staub. Der eigentliche Angriff dauert weniger als zwei Minuten.

Die „Operation Opera“ sollte den Atomreaktor „Osirak“ südöstlich von Bagdad im Irak zerstören. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin war der Meinung, die Zeit laufe aus, der Irak sei kurz davor, zu einer nuklearen Macht aufzusteigen. Zehn irakische Soldaten und ein französischer Zivilist sterben. Auf israelischer Seite gibt es keine Verluste. Der US-amerikanische Präsident Bill Clinton wird später sagen, dass durch den Präventivschlag das Atomprogramm Saddam Husseins um zehn Jahre zurückgeworfen wurde.

Etwas mehr als 30 Jahre später könnte die „Operation Opera“ das Modell für einen neuerlichen Angriff abgeben. Die Entfernung diesmal wäre noch größer, das Land, das angegriffen würde, wäre das auch, und über die Reichweite der Folgen gibt es kaum verlässliche Angaben.

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