Ihre wichtigsten Themen: Sexualität und Geschlechterrollen

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Beatrix von Storch : Knallhart konservativ - und bald die wichtigste Frau der AfD
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Knallhart konservativ. Bis vor drei Jahren arbeitete Beatrix von Storch noch als Anwältin für Insolvenzrecht. Mittlerweile lebt sie von Erspartem.
Knallhart konservativ. Bis vor drei Jahren arbeitete Beatrix von Storch noch als Anwältin für Insolvenzrecht. Mittlerweile lebt...Foto: Davids/Sven Darmer

Wenn man sie fragt, warum sie die Themen Sexualität und Geschlechterrollen so umtreiben, dann sagt sie: „Weil die Veränderung schleichend kommt. Im allgemeinen Sprachgebrauch zum Beispiel werden gezielt Geschlechterstereotype eliminiert. Erst verschwinden die Begriffe, dann die Ideen dahinter.“ Die meisten Leute bemerkten das gar nicht. „Ich frage sie dann: Was ist Ihre Herkunftssprache? Was ist Ihr Herkunftsland? Und keiner merkt, was sich da schon verändert hat. Man spricht nicht mehr von Muttersprache und Vaterland.“ Dann erwähnt sie, dass es um ganz „kleine Stöpsel“ gehe, die ihr leidtäten, weil diese jetzt in der Schule beigebracht bekämen, was Lesben „unten rum“ machen würden. „Entscheidend ist die Summe der Manipulationen“, sagt sie.

Nun ist Beatrix von Storch in ihrem Element. „Kennen Sie den Fall David Reimer? Nein? Dazu gibt es Videos im Internet, die müssen Sie sich anschauen.“ Sie schildert den Fall eines kanadischen Jungen, dessen Penis bei einer Beschneidung in den 60er Jahren verstümmelt wurde. Auf Anraten des Arztes Dr. Money wurde er als Mädchen mit dem Namen Brenda erzogen. „Das ist der Fall, auf dessen Grundlage die Nichtexistenz der Geschlechter gelehrt werden soll.“ Das Kind habe lieber Fußball spielen und raufen wollen – „er war immer ein Außenseiter, fühlte sich in der ihm aufgedrängten Rolle fremd im eigenen Körper und beging schließlich Selbstmord“.

Kampf gegen "Gender Mainstreaming"

Das alles erzählt sie, um zu begründen, warum sie „Gender Mainstreaming“ so vehement ablehnt. Das Bundesfamilienministerium definiert den Begriff so: „Bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“

Begonnen hatte Beatrix von Oldenburgs Engagement allerdings nicht mit dem Kampf gegen „Gender Mainstreaming“. Als Studentin stritt sie in den 90er Jahren für die Rücknahme der ostdeutschen Bodenreform. Zwar sei ihre Familie nicht von Enteignungen betroffen gewesen, dafür aber das Adelsgeschlecht der von Storchs in Mecklenburg. Schon als junge Jura-Studentin in Heidelberg habe sie gestört, dass der „Schirm des Rechtsstaats“ Löcher habe: „Erst werden nur die nass, die direkt drunterstehen, später kriegen dann alle nasse Füße.“

Sven von Storch wuchs in Chile auf, „nicht in Argentinien“, wie sie betont. Wieder greift ihr Finger kurz ans Augenlid: Sie wissen schon, was ich meine! In der AfD werde das Gerücht gestreut, seine Familie habe etwas mit den Nazis zu tun gehabt. Das aber sei infam, denn die von Storchs seien im Widerstand aktiv gewesen. Ähnliche Bemerkungen werden ihr bekannt vorkommen: Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, Beatrix von Storchs Großvater, war Reichsfinanzminister zwischen 1932 und 1945.

Storchs Internetvideos als Fundgrube für Satiresendungen

Als „Ikone der Nationalen“ hat sie Oliver Welke in der ZDF-„Heute-Show“ vor kurzem bezeichnet. Für die Redakteure der Satiresendung sind von Storchs Internetvideos inzwischen zur Fundgrube geworden. Eine ihrer Reden wurde so zusammengeschnitten, dass 20 Mal zu hören ist: „Führen, Führer, geführt“. Beim 21. Mal ruft von Storch: „Autobahnbau“. Jetzt grinst sie: „Hach – sie hat wieder Autobahn gesagt.“ Bei einem Wahlkampfauftritt vor einer Woche in Zehlendorf erwähnt sie den Einspieler auch vor Publikum: „Da lache ich jedes Mal wieder drüber.“

In einem der Originalvideos ist sie vor dem Reichstag zu sehen. Sie legt die Stirn in Falten, dann ruft sie: „Mobilisieren wir uns gegen den Ausverkauf unserer Interessen! Wir sind die Mehrheit!“ Wie mächtig die „Zivile Koalition“ aber wirklich ist, darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Außerhalb des Internets ist ihre Protestbewegung kaum sichtbar. Sie begründet das so: „Wir machen eben Basisarbeit. Gerade habe ich wieder 30 000 Briefe verschickt. Briefe, verstehen Sie!“ Beatrix von Storch spricht von mindestens 100 000 Anhängern. Beweise dafür gibt es nicht.

In Schwierigkeiten geriet das kinderlose Ehepaar kurz vor der Bundestagswahl, als bekannt wurde, dass Sven von Storch 98 000 Euro von Vereinskonten abgehoben hatte. Seine Frau sagt, man habe das Geld 2012 aus Angst vor einem Sturm auf die Banken in Sicherheit gebracht. Ein Notar habe später bestätigt, dass das Geld im Safe liege. Auf ihre Finanzquellen angesprochen, erklärt sie: „Wir halten uns genau an die vereins- und finanzrechtlichen Bestimmungen.“ Gerade erst sei dies wieder vom Finanzamt bestätigt worden.

Ehemalige Vereinsmitarbeiter hingegen berichten von unsauberen Methoden. Dokumente belegen, dass E-Mail- Adressen bei Adresshändlern gekauft wurden. Abgeordnete beklagen, sie würden mit Spam-Mails zugemüllt. Ein Ex-Redakteur der „Freien Welt“ spricht von „absurden Tatsachenverdrehungen“, die von ihm verlangt worden seien. Dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zum Beispiel war unterstellt worden, er setze sich für die Interessen von Pädophilen ein. Der Artikel verschwand von der Seite, nachdem von Storch für die Europawahl nominiert worden war.

Zu finden ist dagegen noch ein Text aus dem vergangenen Jahr, in dem Parteichef Lucke schlechte Umfragewerte vorgeworfen werden. In der AfD ist es ein offenes Geheimnis, dass Lucke Beatrix von Storch am liebsten nicht im Europaparlament sehen würde. Beim Listenparteitag im Januar hatte er hinter den Kulissen für eine Gegenkandidatin geworben. Nach außen aber lässt er nichts auf sie kommen. Anders als Franz Niggemann, der früher Bezirksvorsitzender in Tempelhof-Schöneberg war. Im Januar verließ er die AfD, weil Beatrix von Storch ihm zu einflussreich wurde. Er sagt: „Sie vertritt eine fundamentalistische Linie und ist durch ihren Glauben getrieben. Das bedeutet bei ihr auch, Randgruppen zu diskriminieren.“

"Vielleicht habe ich etwas zu wenig Konsensorientierung"

Draußen, vor dem „Weltempfänger“ am Arkonaplatz, schaut Beatrix von Storch nach dem Ende des Gesprächs zuerst auf ihr Smartphone. Zwei tollende Kinder versperren ihr den Weg, sie schüttelt den Kopf und murmelt etwas. Der Vater springt hoch und sagt zu seiner Tochter: „Das mögen die Leute nicht so.“ Die AfD-Politikerin ist da schon außer Hörweite. „Vielleicht habe ich etwas zu wenig Konsensorientierung“, hatte sie ein paar Minuten zuvor gesagt.

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