Berufskrankheit : Warum ein Arzt Deutschland den Rücken kehrte

Sie werden in Deutschland ausgebildet, aber zum Arbeiten gehen sie in die Schweiz: Stress, Formulare und Sparzwang treiben immer mehr Ärzte ins Ausland. Die Geschichte eines Mediziners, der in der Schweiz eine neue Heimat gefunden hat.

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Ärzteflucht: 3.400 Mediziner verließen im vergangenen Jahr Deutschland. So viele wie noch nie. Vor allem für ländliche Regionen ist das ein Problem.
Ärzteflucht: 3.400 Mediziner verließen im vergangenen Jahr Deutschland. So viele wie noch nie. Vor allem für ländliche Regionen...Foto: Bertram Solcher/laif

Die Sache mit den elf Millimetern geht Hugo Stuhlfelder nicht aus dem Kopf. Eines Tages kam der Steuerprüfer und hatte einen Messschieber dabei. Er wollte die Uhr messen, die Stuhlfelder am Handgelenk trug und als Arbeitsmittel von der Steuer absetzte. Eine solche Uhr, speziell für Ärzte, durfte nicht mehr nur Minutenzeiger, Sekundenzeiger und Stoppfunktion haben. Sie musste, so die neue Anordnung, eine bestimmte Dicke haben. Elf Millimeter, nachzumessen von Hand.

Natürlich war das nur ein winziges Detail, eine dieser Schrulligkeiten des deutschen Steuersystems, kaum der Rede Wert in einer gut gehenden Praxis wie der von Hugo Stuhlfelder in Karlshuld, einem Dorf nahe Ingolstadt in Oberbayern. Aber für Stuhlfelder standen die elf Millimeter für etwas sehr viel Größeres. Sie waren ein greifbarer Beweis für den Schatten der Bürokratie, der sich seit Jahren immer weiter über seine Arbeit schob.

Hugo Stuhlfelder ist keiner von den Ärzten, die auf Kundgebungen mit der Faust auf Rednerpulte hämmern. Er ist 64, er spricht mit gefalteten Händen und legt den Kopf leicht in den Nacken, wenn er nachdenkt. Sein Kopf liegt an diesem Vormittag ziemlich oft im Nacken. „Es ging mir ja nie darum, übermäßig Geld zu verdienen“, sagt er. „Aber diese Schikanen.“ Er zögert und blickt aus den Augenwinkeln durch das Metallgestell seiner Brille. Er will nicht wirken wie einer von denen, die sich wegen jeder Kleinigkeit beschweren. „Bevor man selber vor die Hunde geht, muss man was unternehmen.“ Das sagt er, und das hat er auch getan.

Stuhlfelder sitzt in seinem Sprechzimmer an einem Holztisch und blickt aus dem Fenster. Arzt ist er geblieben, das Zimmer sieht ähnlich aus wie sein altes Sprechzimmer. Aber um ihn herum hat sich alles verändert. Im Tal vor dem Fenster liegt Frutigen, ein Dorf mit dampfenden Schornsteinen in der Nähe von Bern. Der Bauernhof gegenüber verkauft Mutschli, einen Schweizer Bergkäse, die Straßen heißen Guggligässli und Bruchliweg. Er atmet tief ein und sagt: „Jammerschade, was in Deutschland passiert.“

In den 80er Jahren begann es. Die Gesundheitsminister in Bonn erließen fast im Jahrestakt Gesetze, die den Begriff „Kostendämpfung“ teils schon im Titel trugen. Die Krankenkassen teilten den Ärzten strenge Budgets zu, die sie in der Folge immer enger zurrten. Überzog ein Arzt sein Budget, weil er einem Patienten ein teureres Medikament verschreiben wollte, klagten die Kassen auf Regress. Bei den Kongressen, die Stuhlfelder besuchte, tauchten neue Begriffe auf: Kosteneffizienz. Optimierung. Wettbewerb. Betriebswirte bezeichneten die kranken Menschen, die in Stuhlfelders Sprechzimmer kamen, plötzlich als „Wertträger“, messbar in Stückzahlen und abzurechnen wie Schweinehälften in einem Schlachthof. Plötzlich bestimmten Industrienormen die Arbeit des Landarztes.

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