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CDU-Generalsekretär Peter Tauber : "Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, brauchen Sie keine drei Minijobs"

Peter Tauber, Generalsekretär der CDU, zieht mit einem Tweet viel Kritik auf sich. "Blöd formuliert", sagt er später.

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CDU-Generalsekretär Peter Tauber.
CDU-Generalsekretär Peter Tauber.Foto: dpa

Arrogant und anstandslos habe sich CDU-Generalsekretär Peter Tauber über die Millionen Minijobber in Deutschland geäußert. Die Empörung über seine Bemerkung ist enorm, viele Bürger antworteten ihm bei Twitter wütend. Worum es ging: Als Werbung für das neue Unions-Wahlprogramm und in Abgrenzung zur SPD hatte Tauber am späten Montagabend getwittert: „Vollbeschäftigung ist besser als Gerechtigkeit“. Auf die Nachfrage eines Users, ob das jetzt drei Minijobs für ihn bedeuten würden, erwiderte Tauber: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“

Über Nacht hagelte es mehr als tausend Kommentare. Einer lautete zum Beispiel: „Es gibt Leute, die ohne „Ausbildung“ gute Arbeit finden und behalten. Und was „Ordentliches“ schützt nicht vor Minijobs.“ Tauber entgegnete: „Nein leider nicht. Aber ohne Ausbildung geht es gar nicht oder?“

Die Zahl der Minijobber in Deutschland ist über viele Jahre gestiegen. Gab es 2003 noch etwa 5,6 Millionen Minijobs, waren es im vergangenen Sommer 7,8 Millionen. Laut einer Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung ist seitdem zwar ein Rückgang zu beobachten, aber das Modell steht generell in der Kritik: Untersuchungen zufolge führen Minijobs nur selten zu einem festen Vollzeitjob. Außerdem wird bemängelt, dass sie reguläre Vollzeitstellen verdrängen können, vor allem im Einzelhandel und der Gastronomie.

Die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigen außerdem, dass Tauber mit seiner kritisierten Behauptung falsch liegt: Minijobs sind kein Phänomen unter Menschen ohne Ausbildung. 19,2 Prozent der geringfügig Beschäftigten haben zwar keinen Berufsabschluss, gut die Hälfte hingegen schon, und rund sieben Prozent haben sogar einen akademischen Abschluss. Eine Frau entgegnete Tauber daher: „Schon mal versucht, als Erzieher_in oder in der Pflege eine Familie zu versorgen? Oder sind Menschen in diesen Berufen schlecht ausgebildet?“

Äußerungen von anderen Parteien ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten. „Die pöbelnde Arroganz von Peter Tauber zeigt: der CDU fehlt der Respekt vor Geringverdienern. Wir wollen Vollbeschäftigung in guter Arbeit!“, schrieb SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann meinte: „Und wer keinen Anstand gelernt hat, wird CDU-Generalsekretär.“ Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz meldete sich bei Facebook zu Wort: „Als ich damals ohne Abschluss von der Schule ging, haben mir nicht die Leute mit den klugen Sprüchen geholfen. Sondern diejenigen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben.“ Grünen-Chef Cem Özdemir meinte: „Traurig, wenn eine „christliche“ Volkspartei den Bezug zur Lebenswelt der BürgerInnen verliert.“ Anders reagierte eine Jobcenter-Mitarbeiterin. Sie lud Tauber ein, seine Meinung doch mal mit Aufstockern zu diskutieren.

Später erklärte Tauber seine Äußerung noch einmal ausführlicher. Wer drei Minijobs brauche, um über die Runden zu kommen, der habe es nicht leicht. Er habe niemandem zu nahe treten wollen, der sich in so einer Situation befinde. Weiter schrieb er: „Es tut mir leid, dass ich mein eigentliches Argument – wie wichtig eine gute Ausbildung und die richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind, damit man eben nicht auf drei Minijobs angewiesen ist – so blöd formuliert und damit manche verletzt habe.“

Der Spott im Netz ließ sich aber nicht mehr so leicht stoppen. „Wenn man was Ordentliches gelernt hat, braucht man nicht CDU-Generalsekretär zu werden“, schrieb die Linke-Politikerin Lucy Redler. Jemand anderes schrieb: „Wenn Sie ordentliche Politik machen würden, dann würde es solche Zustände in Deutschland nicht geben.“

DGB kritisierte Union schon vor dem Tweet

Der Umgang der Union mit Minijobbern wurde vom Deutschen Gewerkschaftsbund schon vor Taubers Tweet kritisiert. Der DGB etwa argumentiert, mit ihren Plänen zum Arbeitsmarkt würde die Union Frauen, die oft Minijobs ausüben, zunehmend in die Altersarmut treiben. „Anstatt Minijobs, wie es dringend nötig wäre, endlich in den Schutz der Sozialversicherung zu holen, sollen sie offensichtlich ausgeweitet werden, indem die Einkommensgrenze weiter angehoben wird“, sagte DGB–Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Montag. Die Union will laut ihrem Wahlprogramm geringfügig Beschäftigte „an der allgemeinen Lohnentwicklung teilhaben“ lassen. Bislang lag die Obergrenze bei 450 Euro Verdienst. Zu Taubers Äußerung twitterte der DGB-Bundesvorstand: „Es gibt mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland, mit denen sich Herr Tauber wohl mal unterhalten sollte.“

Übrigens: Chauffeure des Bundestags-Fahrdienstes sind bald zum größten Teil als Minijobber unterwegs. Nach einem Wechsel des Anbieters gibt es in dem Fahrdienst 100 Arbeitsplätze für geringfügig Beschäftigte, 74 Teilzeit- und 26 Vollzeitstellen. Das ging vor Kurzem aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. „Das sind keine vernünftigen Arbeitsbedingungen, und die sind eines Bundestages einfach unwürdig“, sagte Linke-Fraktionsvize Klaus Ernst. Wenn Tauber beim Einsteigen in ein mürrisches Gesicht blicken wird, weiß er warum. mit dpa

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