Das Leid traumatisierter Flüchtlinge : Keine Integration ohne Therapie

Charité-Oberärztin Meryam Schouler-Ocak behandelt traumatisierte Flüchtlinge. Im Interview spricht sie über die Gefahr, das Leid zu ignorieren.

Syrische Flüchtlingskinder bei der Erstaufnahme in Passau.
Syrische Flüchtlingskinder bei der Erstaufnahme in Passau.Foto: epd

Eine Studie der TU München belegt: Jedes fünfte syrische Flüchtlingskind leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Überrascht Sie das?
Ich bin verwundert, dass die Zahl nicht noch höher ist. Von den erwachsenen Flüchtlingen hat fast jeder Zweite eine posttraumatische Belastungsstörung, wie Studien aus der Schweiz und Dänemark belegen. 70 bis 80 Prozent der Betroffenen leiden zudem unter Depressionen und Angststörungen.

Was muss getan werden, um traumatisierte Flüchtlinge aufzufangen?
Flüchtlinge aus Kriegsgebieten brauchen zunächst unbedingt ein Gefühl der Sicherheit. Sie müssen spüren, dass ihnen hier nichts mehr passieren kann. Wichtig ist zudem, dass sie sich hier willkommen und angenommen fühlen. Oft kann bereits die Integration in die Sozial- und Arbeitswelt sehr heilsam sein.

Wie wichtig ist eine frühzeitige Behandlung?
Symptome wie Alpträume und Flashback-Erinnerungen, die die Betroffenen vor dem inneren Auge permanent neu durchleben, halten die Menschen in dem Bann der traumatisierenden Ereignisse fest. Je häufiger sich die Ereignisse wiederholen, desto schwerer wird es, die Menschen davon zu befreien und einen Zugang zu ihnen zu finden.

Ignoriert man die Probleme, können Flüchtlinge also schwerer integriert werden?
Ganz genau. Denken Sie zum Beispiel an die Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan oder die Vietnamveteranen. Nach ihrer Rückkehr waren die Menschen so traumatisiert, dass man sie nicht mehr in die Gesellschaft integrieren konnte. Dasselbe wird auch bei etlichen Flüchtlingen und Asylbewerbern passieren, wenn wir nicht gegensteuern.

Wie belastend ist das Leben in einer Flüchtlingsunterkunft?

Ein großes Problem ist das langwierige Asylverfahren. Die Menschen haben keine sinnvolle Beschäftigung, während sie warten. Unter diesen Bedingungen drehen sich ihre Gedanken im Kreis und die traumatisierenden Ereignisse kommen immer wieder hoch. Aus dieser Negativspirale können die Menschen durch eine sinn- und strukturgebende Beschäftigung herauskommen. Belastend ist es auch, dass die Flüchtlinge in den Unterkünften gemeinsam mit Fremden untergebracht sind und sich auf engstem Raum Sanitäreinrichtungen teilen müssen. Die meisten Menschen wünschen sich nichts mehr, als mit ihrer Familie in eine kleine Wohnung einziehen zu dürfen.

In Flüchtlingsunterkünften erleben die Menschen oft das Gefühl der Isolation und Diskriminierung. Was für Auswirkungen hat das auf die Gesundheit?

Fehlende Integrationsangebote und das Gefühl des sozialen Ausschlusses und der Stigmatisierung haben schlimme Auswirkungen auf die Psyche. Durch fremdenfeindliche Übergriffe leben die Menschen in Flüchtlingsunterkünften in ständiger Angst. Dieses Gefühl erinnert sie an die Erfahrungen in den Krisenregionen, aus denen sie fliehen mussten. Die Menschen werden also in die traumatisierenden Situationen zurückversetzt. Ihre Narben werden dadurch noch tiefer und das Grundgefühl der Sicherheit und des Vertrauens wird erneut erschüttert.

Wie kann die Integration traumatisierter Flüchtlingskinder in den Schulen gelingen?
Ich bin Erwachsenen-Psychiaterin, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass die Schulen vor einer riesigen Herausforderung stehen und viele Lehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern überfordert sind. Dabei helfen bereits einfache Gesten, die den Kindern Geborgenheit und Sicherheit geben. Traumatisierte Kinder brauchen das Gefühl, dass sie in der Schule gut aufgehoben sind, dass Lehrer und Mitschüler sie unterstützen und dass sie ein wertvoller Teil der Klasse sind. All das sind einfache Dinge, die Selbstheilungskräfte aktivieren. Schulen sind Orte, an denen das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauen aufgebaut werden kann. Die Lehrer müssen keine Traumatherapeuten sein, um zu helfen. Es tut einem Kind schon unheimlich gut, wenn es mal an der Hand genommen wird.

Das allein wird nicht alle Probleme lösen.
Das ist richtig. Durch den Flüchtlingszustrom wird es vermehrt Kinder in den Klassen geben, die aggressiv sind, die abwesend wirken, die Konzentrationsstörungen und Kontaktschwierigkeiten haben. Es kann zum Beispiel passieren, dass die Kinder in Starrzustände verfallen oder sich isolieren. Deshalb müssen sich dringend auch schulpsychologische Dienste auf die Flüchtlingskinder vorbereiten und auch ausreichend zur Verfügung stehen.

Können bestehende Einrichtungen den größeren Behandlungsbedarf auffangen?
Nein, es gibt in Deutschland viel zu wenige Therapieplätze. Natürlich braucht nicht jeder Flüchtling eine traumaspezifische Therapie. Aber es sind eben doch sehr viele Menschen, die professionelle Unterstützung dringend in Anspruch nehmen müssen. Die Einrichtungen sind jedoch bereits mit der Behandlung einheimischer Patienten überlastet.

Was muss konkret getan werden?
Wir brauchen unbedingt mehr Kapazitäten. Die psycho-sozialen Behandlungszentren sind überlastet und können keine zusätzlichen Patienten mehr aufnehmen. Auch Krankenhäuser, Ambulanzen und niedergelassene Psychotherapeuten müssen sich der Klientel traumatisierter Asylbewerber öffnen. Und trotzdem würden die Kapazitäten nicht ausreichen, um die große Zahl der Betroffenen behandeln zu können. Deshalb muss der Staat mehr Gelder zur Verfügung stellen. Außerdem muss die Finanzierung von Dolmetschern sichergestellt werden. Zwar können wir Übersetzer beim Sozialamt beantragen, doch dauert die Genehmigung ewig. Wir benötigen vor allem auch kulturkompetente Übersetzer, die auf die unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten eingehen können. Das Gefühl der Scham oder der Schuld beispielsweise hat in anderen Kulturen einen viel größeren Stellenwert. Das müssen Therapeuten wissen.

Meryam Schouler-Ocak
Meryam Schouler-OcakFoto: Berlin Türk

Meryam Schouler-Ocak ist leitende Oberärztin der Psychiatrischen Uniklinik der Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus.

Das Gespräch führte Josefa Raschendorfer.

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