Politik : Das polarisierte Land

Im Jemen huldigen einige noch immer dem Präsidenten – die andern prangern Machtmissbrauch und Korruption offen an

von

Der Scheich schlägt sich energisch gegen die Brust. „Jeden einzelnen werde ich eigenhändig töten“, droht er mit bebender Fistelstimme. Auf Jemens Präsidenten Ali Abdullah Saleh lässt der 56-Jährige nichts kommen, der 2450 Meter über dem Meeresspiegel in 13 jemenitischen Dörfern das Sagen hat. Wer etwas gegen den Staatschef hat, ist für ihn ein Verbrecher, dem die Gurgel durchgeschnitten gehört. Abdullah Rawe genießt seine Autorität unter den Bauern, 95 Prozent, behauptet er, sähen das genauso wie er. In das Gebirgsdorf Saber, etwa 20 Kilometer von der Hauptstadt Sanaa entfernt, kommt man nur mit einem Jeep über steinige Pisten. Auf sorgfältig geharkten Terrassen stehen Aprikosen- und Birnbäume, wachsen Hirse, Klee und Gerste. Korruption gebe es überall, auch außerhalb des Jemen, doziert der streitlustige Scheich und macht es sich im Wohnzimmer der Großfamilie Yadumi bequem. Genüsslich beginnt er, seine linke Backe mit Qat-Blättern zu stopfen. Wer etwas brauche, nuschelt er schließlich, der solle die Regierung geduldig bitten und nicht einfach Krawall schlagen wie die Demonstranten dort unten in Sanaa.

Ein Dorf weiter, in Marahidda, dagegen unterstützen alle die Opposition, angeführt von ihrem Schulmeister Mohammed Yahia. Er wurde inzwischen per Brief aus dem Erziehungsministerium entlassen, weil er in Sanaa auf dem Universitätsplatz mitdemonstriert hat. Nach den Problemen des Landes gefragt, sprudelt dem 32-Jährigen die ganze übliche Litanei aus dem Mund – schlechte Schulen und miserable Gehälter, Korruption und mangelhafte Gesundheitsversorgung, zu wenig Wasser und seit Tagen kein Strom.

So polarisiert wie die beiden Dörfer ist das ganze Land. Die Opposition spricht von Machtmissbrauch, Korruption und einer faktischen Militärherrschaft des Präsidenten-Clans. Das Regime prophezeit Chaos, Machtübernahme islamischer Radikaler und einen Zerfall des Staates wie in Afghanistan. In der Rohöl-Pipeline von Marib nach Aden, an der Jemens Versorgung mit Benzin und der Ölexport hängen, klafft seit drei Monaten ein riesiges Bombenloch. Die Reparatur ist unmöglich, weil Stammeskrieger auf jeden schießen, der sich nähert. Und so gehen dem Land inzwischen der Treibstoff und die Staatseinnahmen aus. Zehntausende Autos lauern vor den geschlossenen Tankstellen. „Unsere Wirtschaft liegt im Koma“, meint ein Geschäftsmann, der bisher gut von Regierungsaufträgen gelebt hat. Die Wasserpumpen haben kein Diesel mehr, die Felder vertrocknen, Obst und Gemüse können nicht in die Städte transportiert werden. Auf den Märkten in Sanaa feilschen Menschen verbissen über den Preis für ein Stück trocken Brot, verzweifelte Bettler bevölkern die Straßenkreuzungen. Und es ist nur noch eine Frage von Wochen, bis im Jemen Hungersnot ausbricht.

Ihr Handy klingelt kurz. Tawakhol Karman schüttelt den Kopf, wieder eine Drohung per SMS. Vorlesen will sie nicht. „Sie wollen mich kidnappen und mir Schlimmes antun“, murmelt sie schließlich. Für einen Moment wirkt sie abwesend, dann funkeln ihre dunkelbraunen Augen wieder. Die 32-Jährige verströmt Optimismus und Durchhaltevermögen. „Wir werden nicht weichen, bis alle Ziele der Revolution erreicht sind“, sagt sie. Will heißen: Der Sturz des gesamten Regimes, die Bildung eines repräsentativen nationalen Übergangsrates aus unbelasteten Persönlichkeiten sowie ein Strafprozess gegen Präsident Saleh.

Tawakhol Karman ist Sprecherin der Jugendbewegung, die sich aus mehr als 100 verschiedenen Gruppen zusammensetzt. Ihr großes Vorbild ist Mahatma Gandhi. Die eloquente Gegenspielerin des Regimes gehört der Islah-Partei an, dem jemenitischen Zweig der Muslimbruderschaft. Seit Jahren hat sie sich als mutige Menschenrechtlerin einen Namen gemacht. „Die Männer respektieren mich“, sagt die Mutter dreier Kinder, die eine landesübliche schwarze Abaya trägt mit einem bunten Kopftuch. Als sie im Januar verhaftet wurde, musste das Regime sie nach 36 Stunden laufen lassen, weil es im ganzen Land Demonstrationen gab. Inzwischen erklärt sie von ihrer zugigen Behausung aus der Welt die Ziele der jemenitischen Jugend, wie zuletzt in einem Essay für die „New York Times“.

Tawakhol Karmans Zelt ist eines von tausenden, die den Universitätsplatz und die angrenzenden Straßen bevölkern. Längst sind aus den Demonstranten Dauercamper geworden, die sich seit fünf Monaten mit Brettspielen, Tischfußball und Fernsehen sowie politischen Debatten und Minidemonstrationen die Zeit vertreiben. Vielleicht 700, vielleicht auch 1000 Menschen haben in den Unruhen bisher ihr Leben verloren – genau weiß das keiner. Vor vier Wochen entluden sich die Spannungen im Stadtteil Hassaba in einem Kurzkrieg, bei dem 400 Menschen starben. Hier haben die Stammesführer des Ahmar-Clans ihre Paläste, seit kurzem sind sie auf Oppositionskurs, weil sie um ihre Pfründe fürchten. Das Hauptquartier von Salehs Volkskongress-Partei ist nur noch eine verkohlte Ruine. Die Fassaden der Ministerien für Tourismus und Industrie sind von Kugeln zersiebt. In den Straßen lungern bewaffnete Stammeskrieger herum, ihre Bosse sind dieser Tage nicht zu sprechen. Viele der zwei Millionen Einwohner haben sich in ihre Dörfer geflüchtet, um die Entwicklung abzuwarten. Allein in Sanaa sollen 200 000 Kalaschnikows im Umlauf sein.

Und trotzdem lässt das Regime nicht locker. Präsident Ali Abdullah Saleh liegt nach dem Bombenattentat in seiner Palastmoschee am 3. Juni mit schweren Verbrennungen in einem Krankenhaus in Riad. Jede Woche streuen seine Mitarbeiter Gerüchte, er werde bald zurückkommen, er werde sich per Fernsehansprache an sein 22-Millionen-Volk wenden und die Zügel wieder in die Hand nehmen. Seine Stallwachen aus Familie und Regime lehnen jegliche Verhandlungen mit der Opposition ab. Freitags versammeln sie ihre Anhänger auf dem Paradeplatz neben der gigantischen Al-Saleh-Moschee. Aus diskret geparkten Jeeps werden Saleh-Poster und Parteifahnen verteilt, um die sich dann die Leute balgen. Diesmal hat das Regime zum „Patriotischen Freitag“ aufgerufen, das Geschäft mit Stickern und Devotionalien allerdings läuft schleppend. Nach Ende des Freitagsgebets und ein paar „Saleh, du sollst bleiben“-Sprechchören machen sich die Anhänger des Präsidenten bereits nach einer Viertelstunde auf den Heimweg. Mahmud Ali Khalil hat es unter seinen Landsleuten als Schauspieler von Ramadan-Soaps zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. „Die Protestierer vor der Universität sind verrückt“, deklamiert der 53-Jährige, der von Berufs wegen etwas von Pathos versteht. „Wir aber tragen alle Präsident Saleh im Herzen.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben