Der Innenminister erklärt die Flüchtlingskrise : Sorgen vor Überdehnung

Die Regierung plaudert seit Monaten mit Bürgern über "das gute Leben" in Deutschland. Jetzt musste Thomas de Maizière ran. Er verglich die Volksseele mit nicht unbegrenzt dehnbarem Gummi.

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Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU)
Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU)Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Das Gummiband, findet Thomas de Maizière, ist ein guter Vergleich für den aktuellen Zustand der deutschen Volksseele. „Wenn Sie ein Gummiband nehmen und ziehen, dann hat das eine Grenze“, sagt der Bundesinnenminister. Aber die Grenze, die kenne man vorher nicht. „Plötzlich platzt das Gummiband, als Sie dachten, es hält noch.“ Seine Zuhörer blicken ein bisschen erschrocken. Der CDU-Politiker sitzt am Montagabend in der Stuttgarter Filiale der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Termin ist seit mehr als einem Jahr geplant. Da war von Flüchtlingskrise noch keine Rede.

Doch das Regierungsprojekt „Gut leben in Deutschland“, als neugierige Plauderei des Kabinetts mit dem Bürger gedacht, ist längst von der Aktualität eingeholt. Kanzlerin Angela Merkel traf in einer Rostocker Schule auf das weinende Flüchtlingsmädchen Reem. Ihr Innenminister trifft besorgte Bürger.

Flüchtlinge? „Da sind ganz normale Menschen drunter, Heilige und nicht Heilige.“

Das ist um so bemerkenswerter, als die sorgsam ausgewählten Teilnehmer durchweg zu den gutwilligen Menschen der Republik gehören. Miriam Weil zum Beispiel hilft als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe ihrer Gemeinde. 120 Flüchtlinge sind in ihrem Dorf gelandet; niemand weiß, wie viele es noch werden. „Aber irgendwann“, sagt die junge Frau, „ist man auch mal müde.“

De Maizière kann da wenig trösten. Aber er sieht die Probleme und die Sorgen, und er findet, die Politik darf „nicht darüber wegreden“. Darüber etwa, dass die Geschwindigkeit sehr hoch sei, „zu hoch“, mit der immer neue Zehntausende kommen. Darüber, dass unter den Flüchtlingen auch üble Typen sind, Kriminelle etwa: „Da sind ganz normale Menschen drunter, Heilige und nicht Heilige.“

Und auch, jawohl, darüber, dass es Grenzen gibt. „Der Bundespräsident hat das sehr schön gesagt“, sagt der Minister: „Unsere Kräfte sind endlich.“

Patentrezepte hat der Minister nicht

Dem hohen, „vielleicht bröckelnden“ Grad an Hilfsbereitschaft stehe inzwischen ein „dramatisch steigender Grad an Ablehnung“ gegenüber. Irgendwann könnte das Gummiband reißen. Patentrezepte hat der Minister auch nicht. Er fordert aber Realismus ein: „Nur mit In-den-Arm-nehmen geht’s nicht.“

Europa brauche eine vernünftige Verteilung und einheitliche Standards für Asylsuchende – dass so viele nach Deutschland drängten, sagt de Maizière, habe auch etwas mit dem hohen Niveau an Leistungen hierzulande zu tun. Und gerade Deutschland brauche ein neues Verhältnis zur Türkei. Wer von einem Nato-Partner Hilfe erwarte, der müsse sich mehr in dessen Lage hineinversetzen: „Wir Deutschen müssen aufpassen, dass wir nicht auf dem moralischen Obersockel sitzen.“

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