Deutsche Wirtschaft 2016 : Den Schwung nutzen!

Großunternehmen in der Krise, deutsche Wirtschaft obenauf - 2016 sollte privat und auch vom Staat gezielt in die Zukunft investiert werden. Eine Bilanz.

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Gemischte Aussichten. Die Großunternehmen wie VW, Lufthansa, Deutsche Bank und die Energiekonzerne sind 2015 eher unangenehm aufgefallen. Der Wirtschafts insgesamt aber gehts gut.
Gemischte Aussichten. Die Großunternehmen wie VW, Lufthansa, Deutsche Bank und die Energiekonzerne sind 2015 eher unangenehm...Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Das Jahr 2015: Die größte deutsche Bank taumelt von einem Rechtsstreit zum nächsten, schreibt den höchsten Milliardenverlust ihrer Geschichte, streicht tausende Jobs, sucht sich einen neuen Chef. Deutschlands größter Autokonzern verliert in einem Machtkampf seinen „Patriarchen“, wird eines beispiellosen Betrugsskandal überführt, verliert dann auch den Vorstandschef. Der größte deutsche Luftfahrtkonzern wird mit bis dahin nicht gekannter Ausdauer bestreikt. Und die beiden größten Energiekonzerne kapitulieren endgültig vor der Energiewende, kündigen ihre Aufspaltung an und stellen tausende Jobs zur Disposition.

Für die deutschen Unternehmen hatte das Jahr 2015 dennoch zwei Gesichter. Einerseits war es ein annus horribilis für viele Aktionäre, Mitarbeiter und manche Kunden der weltbekannten Großunternehmen von Deutscher Bank, VW und RWE bis Eon. Zugleich hätte das Jahr gesamtwirtschaftlich kaum besser laufen können, auch vor dem Hintergrund, dass Wirtschaftsverbände angesichts der Einführung des flächendeckenden Mindestlohnes vor einem starken Konjunktureinbruch gewarnt hatten.

Griechenlandkrise hin, Flüchtlinge her: Deutschlands Wirtschaft ist um etwa zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, es waren so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt und so wenige arbeitslos wie seit der Deutschen Einheit nicht mehr. Die Arbeitnehmer erlebten – im Schnitt – endlich wieder steigende Reallöhne.

Die Niedrigstzinspolitik hilft Deutschland bei Konsum und Export

Und sie gaben ihr Geld angesichts niedrigster Sparzinsen aus, was die Binnenkonjunktur zum Treiber der Exportnation gemacht hat. Geholfen hat ihnen der extrem niedrige Ölpreis, was Heizöl, Gas, Benzin und damit auch viele Dienstleistungen, Alltagsgüter sowie Reisen verbilligt hat.

Geholfen hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, mit seiner Niedrigstzinspolitik. Draghi hat zwar vor allem die Konjunktur der Südländer im Blick, Schub brachte sein Programm aber vor allem Deutschland bei Binnenkonjunktur und im Export, weil es den Wert des Euros zum Dollar drückt, was heimisch produzierte Güter auf dem Weltmarkt verbilligt.

Die Rechnung für diese Politik könnte hierzulande erst in einigen Jahren fällig werden. In schlechteren Zeiten würde mehr Sparern bewusst, dass ihre Einlagen derzeit nicht die nötige Rendite fürs Alter erbringen. Und Immobilienbesitzer könnten sich noch ärgern, dass sie 2015 mangels besserer Anlageformen überteuerte Objekte auf einem heißen Markt gekauft haben. Aber Kater ist morgen. Jetzt ist Party in Deutschland!

Risiken und Nebenwirkungen: Zu wenig Vorsorge, zu wenig Investitionen

Erschreckend dabei ist, dass Haushaltspolitiker in Bund und Ländern diese Feier nur vom hintersten Tisch im Saal aus beobachten. Aus Sorge davor, was wegen der Flüchtlinge noch kommen mag? Jedenfalls investieren Bund und Länder viel zu wenig: in Brücken, in Straßen, in Schulen. Es ist menschlich und politisch nachvollziehbar, warum Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) an der „schwarzen Null“ im Haushalt hängt. Sie soll sein Erbe sein. Sich aber so stur daran zu klammern, ist mindestens so unvernünftig und riskant wie die Strategie Draghis. Wenn die Notenbank das Schuldenmachen so leicht macht, gilt es, die historische Chance zu nutzen.

2016 müssen die Regierenden den Schwung aus diesem Jahr mitnehmen, gerade weil in der Zukunft Risiken lauern. Sie sollten deshalb nun langfristige Investitionsentscheidungen treffen – auch für den Ausbau der digitalen Infrastruktur. Sonst wird dazu beim nächsten Abschwung die Kraft fehlen. Ein dann nötiges Konjunkturprogramm wird mit Schuldenbremse viel schwerer zu finanzieren sein. Und dann treffen unerwartete Ereignisse nicht nur die paar großen Unternehmen, die das Gesicht der deutschen Wirtschaft in der Welt sind, sondern auch das Hirn – das sind die Hunderttausenden von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Dann wird es wirklich schrecklich.

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