Die CDU und Integration : Die politische Heimat

Sie sind Kinder türkischer Einwanderer, und sie glauben an den sozialen Aufstieg. Als Serap Güler und Emine Demirbüken überlegten, in welcher Partei sie sich engagieren sollten, kamen beide auf die einwanderungsskeptische CDU. Ausgerechnet. Aber nun scheint die Union Frauen wie sie dringend zu brauchen.

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Karriere mit Hintergrund. Serap Güler ist für die CDU in den Düsseldorfer Landtag eingezogen und sitzt nun auch im Bundesvorstand der Partei.
Karriere mit Hintergrund. Serap Güler ist für die CDU in den Düsseldorfer Landtag eingezogen und sitzt nun auch im Bundesvorstand...Foto: Joe Kramer

Die Abgeordnete Güler schiebt sich mit dem schwarzen BMW ihres Mannes durch die Hauptstraße von Holweide, die zugleich ein Autobahnzubringer ist und somit dauerverstopft. Auf dem Bürgersteig sind ein paar Marktstände aufgeschlagen. Dort muss er sein, der beliebte Weihnachtsmarkt, zu dem Parteifreunde sie eingeladen hatten. Ein Ständer mit Anoraks für 49 Euro, ein Tapeziertisch mit Obst. Daneben ein Stehpult, an dem ein paar Herren Aufkleber mit der Aufschrift „Frohe Weihnachten mit der CDU Holweide“ auf Weihnachtsmänner aus Schokolade pappen. Einer der Herren winkt Serap Güler heran. Die SPD, erklärt er, lasse sich höchstens vor Wahlen mal hier blicken. Sie von der CDU hätten hingegen sogar die Faschingssitzung wiederaufgelegt: „Holweide lacht“, ein großer Erfolg.

Vom spärlichen Marktgeschehen her zu urteilen, wird Holweide fast ausschließlich von Rentnern bewohnt. Und die lokalen CDU-Prominenten machen jetzt, mit Weihnachtsmännern bewehrt, Jagd auf sie. Es sind der Kölner CDU-Chef Bernd Petelkau, einer der Bürgermeister der Stadt, sowie Hans-Werner Bartsch. Serap Güler vertritt den Stadtteil im Kölner Nord-Osten neuerdings im Düsseldorfer Landtag.

Nordrhein-Westfalens CDU-Chef Armin Laschet hat Güler an die Kölner vermittelt. Es war im vergangenen Frühjahr, berichtet Bartsch, der Landtag hatte sich aufgelöst, Neuwahlen standen an, als Laschet anrief und anbot, ihnen „aus der Patsche zu helfen“. Der alte Direktkandidat des Wahlkreises Köln Mülheim wollte nicht mehr antreten. Laschet schlug Serap Güler, Tochter von türkischen Gastarbeitern, als Nachfolgerin vor. Bartsch berichtet, dass ältere Mitglieder zunächst skeptisch gewesen seien: „Haben wir denn niemand eigenes?“ Aber Serap Güler habe sie schnell von sich überzeugt. Bartsch schaut anerkennend zu ihr hinüber. Güler ist mit einem Rentner ins Gespräch vertieft. Sie trägt einen wattierten schwarzen Mantel, flache Lederstiefel und feuerrot lackierte Fingernägel. „Ein blühendes Beispiel für Integration“, sagt Bartsch. „So soll es sein.“

Serap Güler, erst 32 Jahre alt, sitzt seit einem Monat auch im Bundesvorstand der Partei. In der CDU, die so lange und vehement darauf bestand, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, scheint eine Einwanderungsgeschichte neuerdings Karrieren zu beschleunigen. Im Vorstand, der sich am Wochenende in Wilhelmshaven trifft, haben zwei weitere der neuen Mitglieder einen Migrationshintergrund. Und die türkischstämmige Berliner Gesundheitsstaatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner ist ins Präsidium der Partei aufgestiegen. „Eine Volkspartei muss Vielfalt ausstrahlen und zeigen, dass, wer mitmacht und sich anstrengt, es auch in höchste Führungsaufgaben schaffen kann“, sagt Armin Laschet, der im Kabinett von Jürgen Rüttgers Deutschlands erster Minister für Integration war.

Aber verändern vier gelungene interne Integrationsgeschichten die Integrationspolitik der CDU?

„Ich will mich im Vorstand dafür einsetzen, das Thema Integration mit sozialem Aufstieg zu verknüpfen“, sagt Serap Güler wieder im Auto, während sie vom Navigationsgerät ermahnt wird, links abzubiegen. Vom Weihnachtsmarkt war sie zu einem Straßenfest im benachbarten Dellbrück weitergefahren. Dort redete der Pfarrer auf sie ein, dass ausgerechnet die Hauptstraße zur Tempo-30-Zone werden müsse. Jetzt ist Güler auf dem Weg zu ihrem Wahlkreisbüro und zitiert eine Allensbach-Studie, wonach über die Hälfte der unter 30-Jährigen hier im Land bezweifeln, aufsteigen zu können. „Ein erschreckendes Ergebnis“, sagt sie. Dabei rollt sie das R, wie Bayern es tun. Ihre Grundschullehrerin, bei der sie Deutsch lernte, kam aus Franken.

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