• Die Kanzlerin und die Flüchtlinge: „Ja, es sind sehr, sehr viele. Aber wir sind 80 Millionen"

Die Kanzlerin und die Flüchtlinge : „Ja, es sind sehr, sehr viele. Aber wir sind 80 Millionen"

Beim Bürgerdialog in Nürnberg wird Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Ängsten der Bürger in der Flüchtlingskrise konfrontiert. Es kämen schon sehr, sehr viele, sagt sie. Aber wir Deutschen seien immerhin 80 Millionen.

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Auf Tuchfühlung. Bei der Ankunft zum Bürgerdialog in Nürnberg wird Bundeskanzlerin Angela Merkel von Schaulustigen empfangen.
Auf Tuchfühlung. Bei der Ankunft zum Bürgerdialog in Nürnberg wird Bundeskanzlerin Angela Merkel von Schaulustigen empfangen.Foto: Daniel Karmann/dpa

Sie habe da ein Gerücht gehört, sagt die junge Frau. Also, in bestimmten Läden, da nähmen Flüchtlinge einfach Sachen mit, aber das werde nicht angezeigt, sondern vom Bundesmigrationsamt unter der Hand bezahlt. Die junge Frau schaut die Kanzlerin an. „Das soll nicht nur ein Gerücht sein!“ Angela Merkel sagt, dass sie über den konkreten Fall jetzt auch nichts weiß, aber dass es natürlich Verhaltensweisen gebe, die absolut nicht in Ordnung seien. In der Nürnberger Jugendherberge ist Merkel am Montag Gast beim letzten Bürgerdialog in der „Gut leben in Deutschland“-Serie. Die Bundesregierung hat den Dialog ins Leben gerufen, weil sie lernen wollte, was ihre Bürger umtreibt. Seit Beginn der Flüchtlingskrise lernt sie es recht gut.

Denn die Frage nach dem Gerücht ist durchaus typisch. Knapp ein Dutzend Bürger, von der lokalen Zeitung und der Industrie- und Handelskammer ausgewählt, meldet sich zur Flüchtlingsfrage zu Wort. Alle sind besorgt, auch wenn die Sorgen unterschiedlich sind. Es gibt die Frau, denen die Pegida-Typen Angst machen, die neuerdings auch auf Nürnbergs Straßen aufmarschieren. Es gibt sogar den Mann, der findet, dass in den Medien zu viel von den Problemen und zu wenig über die Vorteile der Neuankömmlinge die Rede sei, etwa als Arbeitskräfte für Mangelberufe.

Merkel hält dem gelinde Skepsis entgegen. Man müsse da als Politiker schon realistisch bleiben; viele Flüchtlinge kämen ohne jede Schul- oder sonstige Ausbildung, und „wenn man nur über die Chancen redet, sagen die Leute: So ist es aber auch nicht.“

„Die Leute“, das sind in Merkels Erfahrung offenbar doch eher solche wie die Frau mit dem Gerücht im Ohr. Der gibt sie zu bedenken, dass viele der Flüchtlinge böse Erfahrungen hinter sich haben und deshalb vielleicht nicht einfach mit unseren Erfahrungen gemessen werden dürfen. „Trotzdem kann ich Diebstahl nicht dulden!“

Das Reden über Flüchtlinge, es zeigt sich auch hier, ist für die Kanzlerin ein Balanceakt. Gegen Ängste empfiehlt sie möglichst viele direkte Begegnungen, gegen die Sorge vor Überfremdung hält sie die Zahlenverhältnisse. „Ja, es sind sehr, sehr viele. Aber wir sind 80 Millionen. Wir können und werden diese Integration schaffen.“ Und gegen Sorgen vor steigender Kriminalität hält sie die Erkenntnis, dass es problematische Typen überall gebe: „Der Deutsche ist auch ziemlich unterschiedlich.“

„Aber gibt’s denn einen Plan?!“, fragt eine Frau zum Schluss. Einen Plan, wie die Integration dieser Menschenmengen gelingen solle? Merkel bittet um Nachsicht, dass die Politik vorerst noch andere Sorgen hat: Erst einmal müsse man den Flüchtlingsstrom ordnen, in geregelte Bahnen lenken, in Europa und zwischen Europa und der Türkei verteilen, „denn wir können nicht alle aufnehmen“. Dann komme das Integrieren dran.

Die Fragestellerin wirkt nicht richtig zufrieden. Merkel hat das wohl auch nicht erwartet. Als ein pensionierter Lehrer („Ich war nie ein Freund Ihrer Politik“) ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage lobt, auch im Namen eines Freundes aus der Eifel, entfährt ihr ein ernüchtertes: „Da sind wir ja schon drei.“

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