Politik : Die Scharfschützin

Ihre Kinder, erzählt die Kämpferin gegen Assad, hat sie bei einem Luftangriff auf ihr Wohnhaus verloren. Jetzt nimmt Guevara Rache.

Carolin Brenner
Guevara. Die Scharfschützin folgt ihrem Mann in den Kampf.
Guevara. Die Scharfschützin folgt ihrem Mann in den Kampf.

Berlin - Regen ist für die Menschen in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo dieser Tage ein Geschenk des Himmels. Dann fliegen die Kampfjets der Regierungsarmee Assads keine Luftangriffe. Die Sicht ist zu schlecht.

Es regnet nicht an diesem Februartag, als im Stadtteil Ansari eine Fliegerbombe um die Mittagszeit in ein mehrgeschossiges Wohnhaus einschlägt.

Das Haus stürzt komplett in sich zusammen. Viele Menschen sterben. Die meisten der Toten sind Frauen und Kinder. Nach Angaben von Anwesenden sollen rund achtzig Menschen in dem Haus gelebt haben.

Keine 400 Meter entfernt trifft sich der deutsche Fotograf Thomas Rassloff zu einem Interviewtermin mit zwei syrischen Juristen, als die Bombe detoniert. Binnen Sekunden steigt ein stetig wachsender Rauchpilz zwischen den Häusern auf und breitet sich langsam über dem Viertel aus. Gemeinsam mit einer französischen Kollegin macht er sich sofort auf den Weg, das Geschehen vor Ort zu dokumentieren.

Schon von Weitem sind Schreie und Rufe zu hören. Passanten, herbeieilende zivile Helfer und Soldaten der Freien Syrischen Armee stehen in meterhohen Schuttbergen des zerstörten Hauses, graben fieberhaft und verzweifelt mit ihren bloßen Händen nach Überlebenden. Einige versuchen mit Werkzeugen, einem Vorschlaghammer, Trümmer in kleine Stücke zu hauen, um Verschüttete zu bergen. Sie ziehen schreiende, blutende Kinder unter eingestürzten Wänden hervor und tragen sie aus der Gefahrenzone. Einige der Helfer sind so voller Ruß und Asche, dass sie von den gerade Geborgenen kaum zu unterscheiden sind.

Auch umstehende Häuser hat es schwer getroffen. Außenwände sind weggesprengt, große Löcher klaffen und geben den Blick in Wohn- und Schlafräume frei und auf eine Treppe, die ins Nichts führt. Ein Lieferwagen mit verbogener, kaputter Karosserie und voller Splittereinschläge steht auf der Straße. Nur noch ein Haufen Blech, mehr nicht.

Das Graben und Suchen nach Überlebenden dauert den ganzen Tag an.

Später kommen zwei Bulldozer hinzu, um das am Stück gebliebene Mauerwerk und Betonbrocken zur Seite zu schieben.

Auch Guevaras Kinder, ihr 8-jähriger Sohn und ihre 10-jährige Tochter, kamen bei einem Luftangriff ums Leben. Das erzählt sie dem deutschen Fotografen. Guevara ist ihr Kampfname. Irgendwann, das weiß sie nicht mehr so genau, sei sie so von allen genannt worden wie der Revolutionär Che Guevara.

Guevara trägt eine Militärjacke in Camouflage und khakifarbene Militärhosen. Femininen Touch verleihen ihr die braunen Stiefeletten mit Absatz und ein eng sitzendes weißes Tuch mit einem grauen Überwurf, ein Hijab, das ihr geschminktes Gesicht einrahmt. Sie ist Mitte 30, sieht aber älter aus.

Ihre Hand umschließt fest ein 12-mm-Jagdgewehr mit Zielfernrohr.

Sie wirkt professionell und abgebrüht. Ihre Sätze spricht sie sorgfältig, mit sehr viel Autorität in der Stimme. „Wo immer mein Mann hingeht, ich folge ihm und kämpfe an seiner Seite“, sagt sie bestimmt und leitet damit das Gespräch ein.

Das war nicht immer so. Am Anfang wollten ihr Mann, der Chef der Brigade und die anderen Kämpfer nicht, dass sie mitkämpft. „Die Männer akzeptierten eigentlich keine Frauen und waren der Ansicht, Frauen könnten nicht kämpfen und würden gleich getötet.“ Die Ehe stand auf dem Spiel. Doch Guevaras eiserner Wille siegte. Ihr Mann brachte ihr den Umgang mit dem Scharfschützengewehr bei, und so trägt Guevara weiter ihren Ehering. Seit fünf Monaten kämpft sie in der AlWahad-Einheit in der Brigade Salahedine.

Dass die Bomben der Assad-Kampfjets einfach ihr militärisches Ziel verfehlt haben und deshalb auf Wohnhäuser fallen, daran zweifeln viele der Einwohner im Rebellengebiet längst. Auch im näheren Umkreis des getroffenen Wohnhauses soll es kein militärisches Ziel gegeben haben. Erst vor ein paar Wochen wurde in Ansari ein Krankenwagen im Einsatz von einer Rakete getroffen. Die Insassen starben. Jene Bombe, die der neugegründeten Polizeiwache in Ansari galt, detonierte allerdings nicht und zierte für einige Tage den Haupteingang des Gebäudes, bevor sie entschärft und weggebracht wurde. „Eines der vielen Geschenke Assads“, wie der Polizeipräsident Tarek Muharam lakonisch bemerkt.

Doch anders als Gebiete, die sich direkt in der Frontlinie zwischen Regierungsarmee und Rebelleneinheiten befinden, ist in Ansari die Infrastruktur trotz der Luftangriffe noch einigermaßen intakt. Viele der großen Häuser sind bewohnt und die Straßen tagsüber bevölkert. Die Menschen gehen ihren Geschäften nach. Handel mit Feuerzeugen, Benzin, Gemüse, Zigaretten. Wer etwas hat, verkauft. Händler und FSA-Soldaten sitzen einträchtig am Straßenrand um Feuertonnen und kleine Lagerfeuer und wärmen sich.

Tagsüber steigen die Temperaturen im Winter auf maximal 10 Grad Celsius. In der Nacht sinken sie unter Null und die Menschen frieren. Brennstoff ist schon lange Mangelware.

Wo früher Bäume standen und das Straßenbild bestimmten, ragen heute nur noch abgehackte Wurzeln aus dem Boden. Ganze Grünstreifen sind abgeholzt. Auf der Suche nach Brennmaterial haben die Menschen hier jeden Busch gefällt.

Die Zahl bettelnder Waisenkinder, die auf Aleppos Straßen leben, wächst. Auf der Suche nach etwas Essbarem sind die Kinder auf sich gestellt.

Ohnehin sind mehr Kinder auf den Straßen als in Friedenszeiten, denn nur in ganz wenigen Schulen findet noch Unterricht statt. Die meisten schulischen Einrichtungen sind zerstört und die, die noch intakt sind, wurden geschlossen. Guevara hat früher, berichtet sie, als Englischlehrerin an der Universität gearbeitet. Dann, als ihre beiden Kinder starben, wollte sie nur noch eines: Rache nehmen. Vorbei war der jahrelange passive Widerstand gegen Assad. Guevara lernte, mit Schusswaffen umzugehen. Am Anfang war sie „secretly“. Mittlerweile agiert sie ganz offen. Guevara versteht die Haltung ihrer männlichen Mitkämpfer nicht: „Was denken die sich, wenn sie nicht wollen, dass Frauen kämpfen? Wenn die Männer getötet werden, wer soll dann die Frauen und Kinder beschützen?“ Guevara blickt konzentriert in das Fadenkreuz am Gewehrlauf und posiert für die Kamera. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie in jeder Minute bereit ist, sich zu verteidigen und zurückzuschlagen. Selbstsicher bescheinigt sie sich die Fähigkeit zu kämpfen. Für sie ist es ein archaischer Akt, der allen Menschen eigen ist. „Es ist nicht schwierig, wenn man das Gute in sich trägt. Sich zu verteidigen, das ist etwas Ehrenwertes und Aufrichtiges. Alles, worum es geht in dieser Welt, alles Aufrichtige wie das Muttersein macht das Kämpfen leicht.“

Guevara braucht viel Geduld, wenn sie stundenlang in unbequemer Position ausharrt und auf ihr nächstes Ziel wartet, das Zielfernrohr durch ein faustgroßes Loch geschoben, immer im Anschlag. Dort, auf der anderen Straßenseite, oftmals kaum hundert Meter entfernt, sind ihre Feinde, die Regierungssoldaten. Am Nachmittag, wenn die Straßen langsam leer werden und die Menschen zurück in ihre Häuser gehen, beginnt Guevaras „Arbeit“. Angst, Zivilisten zu treffen, hat sie nicht. „Wer nicht auf die Straße muss, bleibt im Haus. Die Menschen haben Angst vor Scharfschützen. Nur Assads Soldaten und seine Scharfschützen sind auch in der Dunkelheit unterwegs.“

Guevara ist keine Ausnahme. In Aleppo und Umgebung sind es viele junge Frauen, die direkt an der Front kämpfen. „Es gibt zwei reine Frauen-Kathibas. Einheiten, in denen Frauen ganz offen kämpfen und sich nicht verstecken. Sie wollen aber nicht fotografiert werden.“

Nour Asari ist eine dieser jungen Frauen Anfang zwanzig, die wie Guevara direkt an der Front im Vorort Sheihk Said südlich von Aleppo kämpft. Doch auch sie ist die einzige Frau der Einheit. Ihr Mann ist Kommandant der Truppe. Im Kampfgebiet trägt sie neben Jeans und Turnschuhen ein Nikab, eine traditionell muslimische Verhüllung, bei der das Gesicht mit Ausnahme der Augen vollständig bedeckt ist. „Das trage ich, wenn ich kämpfe, um meine Familie zu schützen“, betont die junge Frau. Niemand soll sie erkennen. Nour Asari wirkt schüchtern. Im Gespräch mit Journalisten vor Ort zeigt die junge Frau ihre Kalaschnikow. Ungeschickt hantiert sie mit der Waffe herum. Später stellt sich heraus, dass sie gerade erst von ihrem Mann geschult wird. Lernen an der Front.

Nour Asari hatte ihren Mann allein aus der Gefahrenzone herausgeholt, als er schwer verletzt wurde. Sie konnte sein Leben retten und ihn überzeugen, an seiner Seite zu kämpfen.

Carolin Brenner schreibt als freie Journalistin in Berlin. Ihr Text ist in Zusammenarbeit mit dem deutschen Fotografen Thomas Rassloff entstanden und beruht auf den Beobachtungen Rassloffs in Syrien.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben