Drei Millionen Kinder in Hartz-IV-Haushalten : Kinderarmut ist eine Schande

Viele Kinder wachsen in Armut auf, besonders schlimm ist die Situation in Berlin. Unser Gemeinwesen wird das auf Dauer nicht aushalten. Ein Kommentar.

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Mit 19 Prozent liegt die Armutsquote von Kindern in Deutschland über dem Durchschnitt
Mit 19 Prozent liegt die Armutsquote von Kindern in Deutschland über dem DurchschnittFoto: picture-alliance/ dpa

Das Beste, was wir haben sind die Kinder. Diese Einschätzung teilen gewiss alle Eltern. Sie gilt nicht für die Gesellschaft insgesamt. Vielen Kindern geht es schlecht, fast drei Millionen leben in Deutschland am Rande des Existenzminimums. Besonders schlimm ist die Situation in Berlin, fast jedes dritte Kind unter 15 Jahren wächst hier in einem Hartz IV-Haushalt auf. Was soll aus diesen Kindern werden? Nicht viel, wie die Empirie und Expertise vieler Studien zeigt: Armut ist erblich. Und umgekehrt. Die Kinder der Privilegierten und Arrivierten bekommen alles Mögliche an Förderung, ihnen steht die Welt offen. Wer hat, dem wird gegeben.

So wie in der Familienpolitik. Wohlfahrtsverbände, das Kinderhilfswerk und andere Sozialeinrichtungen machen auf eine Absurdität aufmerksam: Durch den Kinderfreibetrag werden gut Verdienende um bis zu 277 Euro im Monat entlastet, Normalverdiener kommen mit dem Kindergeld auf 190 Euro, und in armen Familien werden Kindergelderhöhungen mit Hartz IV verrechnet. Wer hat, dem wird gegeben. Wo das Geld am dringendsten gebraucht wird, kommt am wenigsten an.

Vor fünf Jahren hatte die Bundesministerin für Arbeit und Soziales eine gute Idee. Ursula von der Leyen schnürte ein Bildungspaket für die rund 2,5 Millionen Kinder aus armen Familien. Ins Paket packte sie einen „Rechtsanspruch auf Bildung und aufs Mitmachen“. Konkret sieht das so aus: Mit monatlich zehn Euro pro Kind unterstützt die Gemeinschaft der Steuerzahler den Beitrag für den Sportverein oder die Musikschule. 100 Euro gibt es im Jahr für Lernmaterialien. Das Mittagessen in Kita, Schule oder Hort wird ebenso bezuschusst wie Klassenfahrten und Wandertage. Das alles ist gut gemeint und greift doch zu kurz. Und es kommt zu spät.

Das beste Mittel gegen Bildungsarmut ist Bildung. Und zwar so früh wie möglich in gut ausgestatteten Kitas. Den bildungs- und wirtschaftspolitischen Schwachsinn des Betreuungsgeldes anstelle der Kita hat das Bundesverfassungsgericht beendet. Eine Kitapflicht analog zur Schulpflicht wird umso wünschenswerter, je mehr Kinder in den so genannten bildungsfernen Milieus aufwachsen und je mehr Migranten ins Land kommen. Und je weniger das „normale“ Beziehungs- und Familienmodell trägt. Kinder aus alleinerziehenden Familien haben nachweislich in der Schule eher Probleme.

Die Umsonst-Kita für alle ist nicht der richtige Weg

In großen Städten wie Berlin wird inzwischen rund die Hälfte aller Ehen geschieden, entsprechend viele Alleinerziehende gibt es. Diese Mütter oder Väter und ihre Kinder sind auf gute Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen angewiesen. Und auf ein durchlässiges Schulsystem, in dem die Herkunft nicht entscheidend ist für den Schulabschluss, die Ausbildung und die Karriere. Die Grundlage für ein selbstbestimmtes, wirklich freies Leben wird früh gelegt.

In der Kinderarmutsmetropole Berlin ist die Ausstattung mit Kitas inzwischen ganz ordentlich. Jedenfalls quantitativ. In der Qualität der Betreuung, bei Gruppengrößen und der Qualifizierung der Erzieher ist noch Luft nach oben. Die Kitagebühren gut verdienender Eltern könnten genutzt werden für zusätzliche Stellen. Das ist wichtiger als die „Kita umsonst für alle“, wie sie die SPD propagiert.

Der SPD-Bürgermeister Michael Müller zieht in diesen Wochen mit einem Versprechen in den Wahlkampf, das gut klingt, und in dem viel schlechtes Gewissen mitschwingt: In den nächsten Jahren werde „jede Schule angefasst und saniert“. Ist die SPD nicht seit einer kompletten Schulgeneration die größte Regierungspartei? Was ist das für eine Stadt, in der 400 Millionen Euro für die Sanierung eines Opernhauses ausgegeben werden, und in der die Schulen in einem deutlich erbärmlicheren Zustand sind als jedes zweitklassige Einkaufszentrum? Es ist eine Schande und Symptom eines Eliteversagens.

Kein Mensch wird ohne Talent geboren

Die von oben wollten die Gören aus der Unterstadt noch nie auf „ihren“ Schulen haben. Deshalb war der Widerstand im Bürgertum gegen die Aufgabe des ineffizienten dreigliedrigen Schulsystems auch so groß: Das Gymnasium ist für unsere Kinder, die Plebejer gehören auf die Hauptschule. Wer hat, dem wird gegeben.

Mit Pisa und dem Fachkräftemangel ist diese Art von Besitzstandswahrung nicht mehr zu halten. Wir können es uns schlicht nicht leisten, einen großen Teil unserer Kinder ohne Ausbildung zu lassen. Kein Mensch wird ohne Talente geboren, und inzwischen bemühen sich immer mehr Unternehmen auch um die Jugendlichen, die ohne Abschluss von der Schule gekommen sind. Nicht selten sind sie in einer armen Familie groß geworden – mit allen möglichen Auswirkungen für das Selbstbewusstsein, die Gesundheit und den Status in einer reichen Gesellschaft. Integration ist die Aufgabe der Gegenwart. Wegen der Flüchtlinge und wegen der Abgehängten und Marginalisierten. Die Gesellschaft braucht glückliche und gesunde Kinder, die sich entwickeln können und die erfolgreich sind. Wenn das Leben im Elend beginnt und in der Altersarmut endet, hält das unsere Gemeinwesen auf Dauer nicht aus.

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