Ehemaliger DDR-Spion : "Der Kommunismus wird wiederkommen"

Manchmal trifft er die Kollegen von früher. Dann träumen sie von ihrem alten Leben. Dieter Feuerstein war jahrzehntelang DDR-Agent – bis er geschnappt wurde und ins Gefängnis kam. Seine politischen Überzeugungen aber hat er nie geändert.

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Auf dem Abstellgleis. Seit 21 Jahren arbeitet Dieter Feuerstein nicht mehr für das Ministerium für Staatssicherheit. Die Vergangenheit ist Teil seines Lebens.
Auf dem Abstellgleis. Seit 21 Jahren arbeitet Dieter Feuerstein nicht mehr für das Ministerium für Staatssicherheit. Die...Foto: Mina Esfandiari

Das Sofa, auf dem Dieter Feuerstein saß, als seine Welt zusammenbrach, steht noch immer an derselben Stelle im selben Wohnzimmer im selben Reihenhauses am Stadtrand von München wie im November 1989.

Damals hörte er den Nachrichtensprecher sagen: „Hans Modrow, Ministerpräsident der DDR, wird alle politischen Gefangenen der DDR bedingungslos freilassen.“ Bis zu jenem Novemberabend hatte Feuerstein gehofft, dass die DDR weiterexistieren würde – obwohl die Mauer schon einige Tage davor gefallen war. Nun starrte er auf den Bildschirm und dachte: „Jetzt ist es wirklich vorbei.“

Viel hat sich seitdem verändert, in der Welt und auch in seinem Leben. Und doch sind einige Dinge genau gleich geblieben.

Dieter Feuerstein, der heute 56 Jahre alt ist, war Spion für die DDR – und er war Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Von diesen sogenannten Westspionen gab es Ende der 80er Jahre zwischen 3000 und 4000. Nur rund 50 von ihnen galten als wichtig, und einer von denen war Feuerstein. Er arbeitete in Ottobrunn nahe München beim Rüstungsbetrieb Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), den es heute so wenig noch gibt wie die DDR, der erst zur Dasa kam und dann zum europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Doch damals war MBB ein beliebtes Ziel für Agenten.

1984 wurde ein Leiter der MBB-Entwicklungsabteilung als Spion des sowjetischen KGB enttarnt. Nach seiner Festnahme und den anschließenden Ermittlungen stellte sich heraus, so schrieb damals die Wochenzeitung „Zeit“, dass die Sicherheitsüberprüfungen der MBB-Mitarbeiter, die an Militärprojekten mitarbeiten, „außerordentlich ungenügend“ gewesen seien. Der enttarnte Abteilungsleiter sei 16 Jahre nicht überprüft worden. „Er ist damit kein Einzelfall“, schrieb die „Zeit“. Feuerstein ist auch niemandem aufgefallen. Er war zuletzt Sicherheitsbeauftragter, hatte Zugang zu allen Geheimdokumenten. Wie der Abteilungsleiter hat auch Feuerstein den Tornado ausspioniert. Er hat Baupläne abfotografiert und die Bilder an die DDR weitergegeben.

Der Tornado war damals der wichtigste Kampfjet der Bundesrepublik, ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Italien und Großbritannien, das für Luftangriffe, Aufklärung und Seekriegführung aus der Luft eingesetzt wurde. In der Sowjetunion erhielt Feuerstein für seine Spionagearbeit den Leninorden. In der DDR war er ein Held.

In der Bundesrepublik war er ein Verräter. Die Weitergabe der Tornado-Pläne bedeutete Geheimnisverrat. Als noch beide deutsche Staaten existierten, drohte ihm deshalb lebenslänglich. „Doch ich wusste immer: Wenn ich entdeckt werden sollte, würde mich die DDR retten“, sagt er. „Sie würden einen Agenten aus Westdeutschland, der im Gefängnis in Bautzen gefangen war, gegen mich eintauschen.“ Dort hielt die DDR westdeutsche Spione fest.

Aber an jenem Novemberabend 1989 war klar, dass es bald keine Spione der Bundesrepublik mehr in der DDR geben würde. „Die übrigen Worte des Nachrichtensprechers nahm ich gar nicht mehr wahr“, erinnert sich Feuerstein. Er hörte nur noch, wie seine Frau sagte: „Ein Staat, der auf das Faustpfand der politischen Gefangenen verzichtet, der hat sich aufgegeben.“ Seine Frau war ebenfalls Spionin. Feuerstein hat sie angeworben – und damit wiederholt, was ihm einst widerfuhr.

Die Geschichte des DDR-Spions Dieter Feuerstein beginnt im Jahr 1972 in Frankfurt am Main. Er war 17 Jahre alt. Die Welt, in der er lebte, fand er ungerecht, er war auf der Suche nach einer Alternative. In seiner Heimatstadt Frankfurt lernte er linke Hausbesetzer kennen, er las die Artikel von Ulrike Meinhof, ging auf Demonstrationen. Als der Sohn die Mitgliedschaft in der DKP beantragte, kam es zum Konflikt im Elternhaus. Der Vater wollte es ihm verbieten, und der Sohn fühlte sich verraten. Wie konnte der Vater, der überzeugte Kommunist, nicht wollen, dass sein Sohn in die DKP eintrat?

Kurz darauf nahm der Vater Dieter Feuerstein mit auf einen langen Spaziergang in den Wald. „Es gibt eine Alternative zu deiner linken Szene“, sagte der Vater. Der Sohn wollte schon wieder zum Protest ansetzen, doch der Vater kam ihm zuvor: „Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands.“ Es war still im Wald, nur das Zwitschern der Vögel war zu hören. Dieter Feuerstein erinnert sich genau an den Tag. Dann sagte der Vater noch: „Wenn du das machst, wären wir in derselben Partei.“ Dann begann er zu erzählen: davon, dass er, der promovierte Maschinenbauingenieur, als Spion für die DDR arbeitete, und von der idealen Welt auf der anderen Seite der Mauer.

„Ich verstand, dass ich meinen Vater mit meiner politischen Aktivität in Gefahr bringen könnte. Das wollte ich nicht“, sagt Dieter Feuerstein. „Wir hatten immer eine innige Beziehung. Ich verehrte ihn für seinen klaren Verstand und seine Haltung, von da an auch für seinen Mut.“ Der Vater gab Dieter Feuerstein Bücher zu lesen, die der Sohn verschlang, anschließend saßen die beiden stundenlang zusammen und redeten über Ideale. „Mir war schnell klar, dass ich auch für das Ministerium für Staatssicherheit arbeiten wollte“, sagt Dieter Feuerstein.

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