Erinnerung an Roger Willemsen : "Die Kanzlerin chloroformiert das Land"

Als kluger Beobachter gab der Publizist dem Tagesspiegel im März 2014 ein langes Interview über den Zustand der deutschen Politiker. Hier können Sie es nachlesen.

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Roger Willemsen wurde als TV-Moderator mehrfach ausgezeichnet, er war Autor von Bestsellern und Honorarprofessor an der Humboldt-Universität.
Roger Willemsen wurde als TV-Moderator mehrfach ausgezeichnet, er war Autor von Bestsellern und Honorarprofessor an der...Foto: Mike Wolff

Wie steht es um die deutsche Politik? Roger Willemsen gehörte zu jenen, die besonders präzise beobachtet haben und dabei sah, wie Abgeordnete lärmen, tanzen, rüpeln, schleimen - und kluge Reden halten. Darüber sprach er mit uns im Interview

Sein letztes Buch "Das hohe Haus" führte lange die Spiegel-Bestsellerliste an. Politisch engagierte sich Willemsen u.a. als "amnesty"-Botschafter.

Am Sonntag erlag er in seinem Haus bei Hamburg einem Krebsleiden. Die Erkrankung war erst im August vergangenen Jahres festgestellt worden, kurz nach seinem 60. Geburtstag.

Für den Jahresrückblick 2014 beschrieb er für den Tagesspiegel - gewohnt furios - das deutsche Phänomen Helene Fischer.

Herr Willemsen, das ganze vergangene Jahr sind Sie in jeder Sitzung des Bundestages gesessen, von 9 Uhr früh bis oft in die Nacht hinein. Haben Sie bleibende Schäden erlitten?

Ja, am Gesäß. Die Bank der Opposition mag hart sein, härter sind die Sitze oben auf der Tribüne.

Sie Ärmster!

Ich habe mir nach einigen Tagen ein Kissen mitgenommen und hatte so mein bequemes Habitat. Es gab ja niemanden, der mit einer solchen Verweildauer ausharrte wie ich. Ich darf mit allem Pomp sagen, ich sah keinen Abgeordneten, der 2013 so viele Parlamentsdebatten erlebte.

Sie saßen in einer Zone, in der alles verboten ist.

Man darf auf der Galerie kein Kaugummi kauen, nicht fotografieren, nicht Handysurfen, es ist nicht einmal erlaubt, ein Bonbon zu essen. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu erfrischen. Man kann im Klovorraum einen Becher Wasser bekommen, das ist alles. Ich habe einige Kilo Gewicht verloren bei der Beobachtung der Demokratie - meine Bundestagsdiät.

Mal ehrlich, wie oft sind Sie eingenickt, so ganz ohne Kaffee?

Schlafen ist auch verboten, da kommt sofort einer, der Sie weckt.

Es ist ja gern von "Sternstunden des Parlaments" die Rede. Haben Sie eine erlebt?

Die größte Überraschung war, dass es Debatten gibt, die sich jenseits aller tagesaktuellen Relevanz auf die Ewigkeit richten. In diesem Parlament betrachten alle das Wachstum als Allheilmittel gegen jede Form der Krise, und ausgerechnet ein CDU-Mann, Matthias Zimmer, hält die beste Rede, die philosophischste Rede, eine im Vokabular und der Gedankenführung analytisch valide Rede zur Kritik der Wachstumsideologie. Ich lobe da eine durchaus multiple Person, denn derselbe Zimmer hat auch ein paar der hässlichsten Sachen gesagt.

Zum Beispiel?

Die Debatte über Armut werde viel zu sehr mit Blick auf das Materielle geführt. Das möchte ich vor einem Hartz-IV-Wähler wiederholt haben, der nicht weiß, wie er von einem Tag zum nächsten kommt, oder vor den acht Millionen Menschen, die in Niedriglohnverhältnissen leben. Konzentriert euch doch mal auf euren inneren Reichtum! Interessanterweise bekam Zimmer regen Applaus für diesen vulgären Satz zur Armut, aber keinen Applaus für seine vernünftigen Gedanken zum Wachstum.

Die Sternstunden ...

... liegen nach meiner Erfahrung immer da, wo sich das Parlament aus dem Fraktionszwang löst. Wenn Peter Altmaier als Umweltminister eine Deponie für Atommüll sucht und sagt, lasst uns das zusammen machen, gebt mir alle Meinungen und Argumente, vereint eure Anstrengungen, da geschieht das auf eine solidarische, sogar deeskalierende Weise, die beeindruckend ist. Da schält sich plötzlich die Idee des Parlaments heraus, und ich dachte: So könnte es sein.

Angela Merkel ist die wichtigste Rednerin des Bundestags.

Die Kanzlerin ergreift häufiger ihr Handy als das Wort. Wenn sie spricht, breitet sie Betäubungszonen aus. Sie chloroformiert das Land, indem sie unablässig jene Felder benennt, für die es keine Erregung gibt. Sie sagt auf bürokratische Weise, dass sie sagt, was sie gesagt hat. Diese elliptische Rhetorik erlaubt wenig Reibungsflächen. Wo Reibung entstehen könnte, wird sich die Kanzlerin zuerst fragen, ob sie nicht besser dazu schweigt. Dieses Merkel-Prinzip setzt sich gesellschaftlich durch.

Bitte?

Ja, ich höre inzwischen von großen Unternehmen, dass man sich bei Skandalfällen darauf einigt, gar nichts zu kommentieren. So gesehen war der schlimmste Fehler des ADAC, frühzeitig aufzutreten und zu sagen: Unverschämtheit, diese Vorwürfe! Das reizt alle, nachzuforschen und ganz schnell noch mehr herauszufinden.

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