Europa und Terror : Wir brauchen einen Marshall-Plan für Europas Vorstädte

Effektive Maßnahmen gegen die Radikalisierung von Jugendlichen kosten viel Geld. Dafür wäre aber auch der Gewinn gigantisch. Ein Kommentar.

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Tristesse in der Pariser Banlieue von Drancy.
Tristesse in der Pariser Banlieue von Drancy.Foto: dpa

Auf die Integration wäre es angekommen. Zu hören ist das über die Vorstädte, die tristen Banlieues von Paris oder Brüssel, die sich derzeit als Treibhäuser des Terrors darstellen. Bei dem „Gesindel“ dort aufräumen, „mit einem Hochdruckreiniger“, das wollte Nicolas Sarkozy, damals Innenminister, 2005. Als Präsident versprach derselbe Sarkozy 2008 einen „Marshall-Plan für die Banlieues“, einen Plan der Hoffnung, wie er sagte.

500 Millionen Euro sollten allein in das „désenclavement“ fließen. Es sollte Schluss sein mit den isolierten Enklaven der Vorstädte, mehr öffentlicher Nahverkehr war geplant, mehr Kulturangebote vor Ort. Wohin sind diese Summen versickert, fragten die französischen Medien schon vor dem Terror-Freitag. Die Verhältnisse haben sich kaum gebessert.

Integration ist "woanders", sagt der Junge aus der Banlieue

Der französische Regisseur Bertrand Tavernier verbrachte 1997 drei Monate in der Vorstadt Grands Pêchers de Montreuil. Sie gehört zu Seine-Saint-Denis – jenem Gebiet in der nördlichen Banlieue von Paris, dessen Name jetzt so bekannt ist. Er porträtierte dort in seinem Film „De l’autre côté du périph“ („Ein Mordsteam“ lautet der irrige deutsche Titel), eine solidarische Notgemeinschaft der Anwohner. Bouba, ein wacher Student, klärte vor der Kamera auf: „Hier gibt es keine Integration. Du lebst, das ist alles. Integration, das heißt woanders zu sein und so gut zu leben wie möglich.“

„Woanders“. Klarer kann „Parallelgesellschaft“ kaum definiert werden. Wann immer Autos brannten, sah die Öffentlichkeit zu den Vorstädten – und verlor sie danach bald wieder aus den Augen.

François Hollande hatte in den „Problemvierteln“ bis zu 70 Prozent der Wähler für sich gewonnen, doch auch seine Programme zeigen bisher keinen Erfolg. Neben der Radikalisierung der Rechten gedeiht die Radikalisierung junger Muslime, und wegen des zunehmenden Antisemitismus’ wanderten 2014 an die 7000 Juden aus Frankreich aus.

Auf die Integration kommt es an. Zu hören ist das in Deutschland über die Neuankömmlinge aus Kriegs- und Krisengebieten, die ihre Traumata, Konflikte und Hoffnungen mitbringen, ebenso wie über die bereits etablierten Parallelgesellschaften. Zum Zauberwort der Integrationspläne gehört der Begriff Prävention. Prävention bedeutet zuvorkommen – der Armut, Bildungsferne, Radikalisierung und Ausgrenzung.

Prävention bedeutet Demokratisierung

Im Kern geht es darum, die Bedingungen der Möglichkeit zur Demokratisierung zu schaffen – das, was der Marshall-Plan erreichte. Es geht darum, dass politisch nicht hinreichend gebildete Bürger – ob sie nun Richtung Pegida neigen oder Richtung Salafismus – erfassen und schätzen, was Demokratie bedeutet, dass sie verstehen, wie man an ihr teilhat. Solches Wissen wird weder allein durch gute Worte vermittelt noch durch Rap-Kurse in Jugendzentren, sondern vor allem durch die konkrete Erfahrung von Teilhabe. Etwa indem Jugendliche Schulparlamente wählen, debattieren lernen, schon ab frühem Alter, eigenes, kritisches Denken entwickeln, Sinn und Kontext von alldem begreifen, was „Staat“ und „Gesellschaft“ sind. Dass sie begreifen, dass beides nicht in einem „Woanders“ liegt, sondern hier, da wo ich bin, da wo wir alle sind, als Citoyens. Kindergärten und Schulen sind die Hauptakteure solcher Sozialisierung. Hier werden Milliarden gebraucht, auch zur Nachschulung der Lehrer.

2015 hat die Bundesregierung 40 Millionen Euro für Präventionsprogramme gegen den rapide wachsenden Islamismus ausgegeben. Vor vier Tagen kündigte die Familienministerin gerade mal weitere zehn Millionen dafür an. Neue Stellen bei Sicherheitsbehörden plant das Innenministerium mit 328 Millionen Euro zu finanzieren. Will das Land, will die EU, dass die Demokratisierung gelingt, dass große Gruppen politisch nachreifen und französische Verhältnisse vermieden werden, sind die Kosten riesig. Der Gewinn aber wäre gigantisch.

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