Flüchtlinge im Irak : Schutz in der Wüste

Eine halbe Million Menschen ist allein im Nordirak vor den Islamisten geflohen Viele kommen ins UN-Camp Khasair – doch ihre Zahl überfordert die Helfer.

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Das Lager Khasair. Wer es dorthin geschafft hat, ist dem Grauen und dem Terror entkommen – zumindest vorerst.
Das Lager Khasair. Wer es dorthin geschafft hat, ist dem Grauen und dem Terror entkommen – zumindest vorerst.Foto: Reuters

Einige kommen in Sammeltaxis, andere sogar mit dem eigenen Auto. Aber viele haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht. Bei sengender Sonne und Mittagstemperaturen zwischen 45 und 50 Grad. Frauen, Kinder und Männer. Schwangere, Alte und Gebrechliche. Oft besitzen die Menschen, von ein paar Plastiktüten abgesehen, nur noch das, was sie am Leib tragen. Nun stehen die Flüchtlinge auf der Verbindungsstraße zwischen Mossul und Erbil. Und hoffen darauf, in dem von den Vereinten Nationen (UN) und der kurdischen Regionalregierung eilig aus dem Wüstenboden gestampften Auffanglager Khasair eine halbwegs sichere Blei be zu finden. Furcht und Entbehrung sind den Hilflosen ins Gesicht geschrieben. Auch Hunger und Durst plagen die Menschen. So beschreiben Helfer den Alltag im Norden des Irak.

Fast eine halbe Million Flüchtlinge

Dennoch sind die meisten Flüchtlinge froh, dem Grauen entkommen zu sein. Denn in ihrer Welt ist seit Anfang Juni nichts mehr so, wie es noch vor kurzem war. Der Vormarsch der sunnitischen Extremistengruppe Isis (Islamischer Staat im Irak und Großsyrien), deren brutales Auftreten in den eroberten Gebieten und die Kämpfe mit der irakischen Armee haben abertausende Iraker heimatlos gemacht. Wie groß Not, Angst und Verzweiflung inzwischen sind, macht das Camp bei Khasair deutlich: Es wächst in rasantem Tempo. Zelt um Zelt wird im sandigen Boden verankert, Tag für Tag.

Nach Angaben der UN sind allein in der Region Mossul fast 500 000 Menschen vor der Gewalt geflohen. Im ganzen Land liegt die Zahl der Flüchtlinge wohl bei fast einer Million. Und wie immer in derartigen Krisensituationen trifft es die Ärmsten am schwersten. „Viele von ihnen hausen unter schlimmsten Bedingungen“, sagt Ertharin Cousin, die geschäftsführende Direktorin des Welternährungsprogramms. Sie sind deshalb dringend auf Nothilfe angewiesen. Derzeit werden mehr als 43 000 besonders bedürftige Menschen von der UN-Organisation mit Lebensmitteln versorgt.

Die Kinder trifft es besonders schwer

Doch ein großes Problem ist dabei der Mangel an Sicherheit. Ohne Vorankündigung können überall und jederzeit Gefechte ausbrechen. Für die Flüchtlinge bedeutet dies, sie müssen von einem Unterschlupf zum nächsten weiterziehen. Immer in der Hoffnung, endlich Schutz und ein bisschen Ruhe zu finden – und sei es nur in einem Park, einer Schule oder einem halbfertigen Haus. Die Hilfswerke können allerdings jene Menschen, die eigentlich sofort Unterstützung brauchen, oft nicht erreichen. Das gilt vor allem für die Kampfzonen, beispielsweise in Tikrit oder Mossul. „Dort haben wir keinen Zugang“, sagt Aram Shakaram, als Nothilfekoordinator von Save the Children für den Irak zuständig. Und wo Hilfe möglich ist, sehen sich die Organisationen mit einer logistischen Herausforderung konfrontiert: Auf eine derart gewaltige Flüchtlingszahl war man nicht vorbereitet.

„Allein in den ersten zwei Tagen nach der Eroberung der Millionenstadt Mossul durch militante Islamisten sind schätzungsweise 300 000 Zivilisten geflohen“, berichtet Shakaram. Darunter seien viele Familien mit Kindern gewesen. Die Kämpfe waren so schwer, dass Mädchen und Jungen nicht mehr ihren Schulabschluss machen konnten, obwohl die Prüfungen unmittelbar bevorstanden. Für die Jüngsten ist die Lage ohnehin dramatisch. Von einer auf die andere Minute wurden sie aus ihrem behüteten Alltag gerissen. Spielen, mit den Klassenkameraden lernen, vor dem Fernseher sitzen – das war einmal. „Die Kinder verstehen überhaupt nicht, was passiert“, sagt Aram Shakaram von Save the Children.

Die Heimat in Trümmern

Und es sieht derzeit nicht danach aus, dass die Vertriebenen rasch in ihre alten Wohnungen oder Häuser zurückkehren können. Im Gegenteil. Die Kämpfe, so fürchten sowohl Beobachter als auch Helfer an Ort und Stelle, werden womöglich heftiger und auf weitere Landesteile übergreifen. Deshalb wird auch damit gerechnet, dass die Zahl der irakischen Flüchtlinge nochmals drastisch steigt.

Dabei dient der Irak schon lange als Zufluchtsort für ausländische Flüchtlinge: Mehr als 220 000 Syrer sind in eigens errichteten Lagern und einigen irakischen Gemeinden im Grenzgebiet untergekommen. Nun müssen sie aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen wieder um ihr Leben bangen. Dennoch wollen die meisten nicht die Hoffnung aufgeben, bald nach Hause zurückkehren zu können. Das verbindet die geflohenen Syrer mit den jetzt vertriebenen Irakern. Nur: Beider Heimat liegt bereits teilweise in Trümmern.

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