Flüchtlinge in Berlin : Viele Berliner helfen, der Senat ist hilflos

Die Berliner Verwaltung ist mit den Flüchtlingen überfordert. Dabei gibt es so viele Berliner, die helfen wollen. Warum nutzt die Hauptstadt dieses Potenzial nicht? Ein Kommentar.

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Ein Flüchtlingskind sitzt am 06.08.2015 in Berlin auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) auf einem Grünstreifen.
Ein Flüchtlingskind sitzt am 06.08.2015 in Berlin auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) auf einem...Foto: dpa

Typisch Berlin: Nach den Bürgerämtern gibt sich auch das Flüchtlingsamt seiner Überforderung hin – mit gravierenden Folgen: Tagelang müssen hunderte Hilfebedürftige in sengender Sonne darauf warten, registriert zu werden und zwischendurch einen Schluck aus einem städtischen Wasserhahn zu bekommen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller nimmt sich der Sache zögerlich an und informiert andere Politiker, dass bald mal was passieren wird. Am Dienstag soll der Senat sein überfälliges Konzept vorlegen. Doch das wird nicht reichen, wenn die Empathie fehlt.

Berlin ist politisch blank

Sozialsenator Mario Czaja, engagiert alleingelassen schon von Müllers Vorgänger Klaus Wowereit, muss sich ab heute wieder der am dämlichsten kaputtgesparten Behörde Berlins widmen: dem Flüchtlingsamt Lageso, das trotz absehbar steigender Fallzahlen auf der letzten Rille fährt wie die S-Bahn. Die noch nicht krank geschriebenen Lageso-Mitarbeiter brechen nach Zwölf-Stunden-Schichten zusammen und schaffen es nicht mal mehr, den Hilfesuchenden (oft wertlose, weil in der Urlaubszeit kaum einlösbare) Hostel-Gutscheine in die Hand zu drücken. Geschweige denn, dass das Amt in der Lage ist, dubiose Heim-Betreiber zu kontrollieren, die aus der blanken Not ein dreckiges Geschäft gemacht haben.
Berlin, beliebt in aller Welt, ist in der Flüchtlingsfrage schon lange politisch blank – und nicht in der Lage, das wenigstens zuzugeben. Am besetzten Oranienplatz verhedderten sich Innensenator Frank Henkel (CDU) und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) bis zur Tatenlosigkeit ineinander – bis heute ist die verkommene Gerhart-Hauptmann-Schule nebenan besetzt. In letzter Not und wieder nur mit Hilfe der Kirchen konnte ein Sterben am Brandenburger Tor verhindert werden, als Flüchtlinge aus Verzweiflung in einen Hungerstreik getreten waren. Wie hat der Senat, der mit Dilek Kolat (SPD) offiziell auch eine Integrationssenatorin hat, auf diese Warnzeichen reagiert? Mit im Takt zuckenden Schultern. Der Posten der Integrationsbeauftragten? Seit Mai verwaist. Lageso-Chef Franz Allert? Damit beschäftigt, Korruptionsvorwürfe abzuwehren und nebenbei Flüchtlingsinitiativen zu erklären, dass ihr Tun so nötig nun auch wieder nicht sei. Dabei liegt doch die Chance genau hier: in der Selbsthilfe zur Hilfe.

Hauptstadt der Helfenden

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Flüchtlinge als Mitbewohner: Website vermittelt WG-Zimmer
Flüchtlinge als Mitbewohner: Website vermittelt WG-Zimmer

Typisch Berlin, auch das: Etliche Bürger werden heute wieder zum Lageso eilen, um die chaotischen Zustände zu lindern. Viele engagieren sich in Nachbarschaftsvereinen für Flüchtlinge, manche nehmen Hilfesuchende bei sich zu Hause auf oder bringen wenigstens Klamotten zum Heim um die Ecke vorbei. Die Politik hat dieses Potenzial nicht erkannt oder will es nicht sehen. Offenbar aus Angst vor einigen „besorgten Bürgern“, deren vornehmliche Sorge zu sein scheint, jemals einem Flüchtling zu begegnen, versäumt es der Senat, die Flüchtlingsfrage endlich als gesamtstädtische Aufgabe zu definieren. Warum war Michael Müller, bisher nur am Rande in einem Flüchtlingsheim gesichtet, nicht vor Ort beim Lageso? Hat sich Frank Henkel schon einmal für die christliche Nächstenliebe vieler Bürger bedankt? Wann endlich bekommen die armen Mitarbeiter im Lageso Amtshilfe – und die dort Wartenden eine ordentliche Toilette? Ist selbst das zu viel verlangt?

Mit Empathie ließe sich so viel gewinnen, auch politisch. Der Senat sollte es sich zur Aufgabe machen, Flüchtlingen ein Gesicht zu geben anstatt sie in den Wäldern Brandenburgs verstecken zu wollen – und den sozial vernetzten Helfern eine Struktur anzubieten, in der sie sich sinnvoll einbringen können. Berlin, das als erst zerstörte und dann geteilte Stadt viel Unterstützung empfangen hat, kann sich als Hauptstadt der Helfenden neu entdecken. Und was wäre so schlimm daran, nebenbei auch der trägen Berliner Verwaltung aufzuhelfen? Das Potenzial ist da: ein engagierter (wenn auch überforderter) Sozialsenator – und viele Hände, die gern mehr tun würden. Wenn man sie lässt. Und zugeben würde, dass man sie braucht. Ganz untypisch Berlin.

Auf der Website Berlin-hilft-Lageso wird die Hilfe der Unterstützer koordiniert.

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